»Für Elise« einmal rosarot
Es ist schon ungewöhnlich, dass das Publikum Mozarts Kleine Nachtmusik summt, während von den Instrumenten der Musiker kein Ton mehr zu hören ist. Wenn aber Hans Liberg, holländischer Musik-Kabarettist, auf der Bühne ist, dann spielen Konventionen …
Versierte Klassikfreunde mögen bei der Vorstellung einer gnadenlosen Verquickung klassischer Meisterwerke mit musikalischer Alltagswelt die Nase rümpfen: Bei Liberg gibt es die »rosarote Elise« – Beethoven gepaart mit Paulchen Panthers Erkennungsmelodie. Er mischt Chopin mit Flipper, spielt Mozart auf Chinesisch (»nur schwarze Tasten«) und schludert bei Rachmaninow – »das dauert sonst zu lang«. Doch das Publikum ist begeistert. Klatscht, singt, jubelt und lacht. Und Gleiches gilt für die Musiker.
Mit Liberg muss man improvisieren können. Antony Hermus, Generalmusikdirektor (GMD), und seinem Orchester gelingt das an diesem Abend mit einer Leichtigkeit, die mehr als nur gute Laune macht. Hier treffen Profis aufeinander, denen es sichtlich Spaß bereitet, die Partitur eimal links liegen zu lassen – sie alle beherrschen die große Kunst der Unterhaltung.
»Musik ist für alle da, und genau das kann man mit diesem Konzert zeigen und Berührungsängste nehmen«, sagt Hermus in der Pause und wischt sich lächelnd einen Schweißtropfen von der Stirn. Ein Abend mit Liberg ist auch für den erfahrenen GMD anstrengend. Aber eben auch »sehr witzig«, wie er sagt. Auch das Orchester habe einen Riesenspaß. »Geprobt haben wir für den heutigen Abend ganze zwei Stunden.«
Liberg selbst freut sich über die Sponaneität des Publikums in Hagen. »Sie reagieren toll«, sagt der Musiker, der sich als geborenen Komiker sieht. Eine Kombination, die begeistert. Und ein fulminanter Auftakt zum Jubliäum des Hagener Orchesters.
Westfalenpost, 09. 09. 2007
Elise und die niedergewalzerten Stücke
Er ist ein Tausendsassa, der Vergnügen pur verbreitet. Er verbindet hervorragendes Klavierspiel mit sprühendem Witz, Nonsens und skurrilen Geschichten. Er hüpft wie ein Känguru durch die Musikstile, die er genial zusammenknüpft: Der Klaviervirtuose Hans Liberg.
Im ersten Festkonzert zum 100. Geburtstag des Philharmonischen Orchesters stellte der Holländer seine »Symphonie Libergique« vor: eine wilde Mixtur aus Klassik, Rock und bekannten Hits. Mit ihrem Gast traf das Orchester den Geschmack aller Altersklassen – die Stadthalle war fast ausverkauft. Hans Liberg liebt offensichtlich Musik von Beethoven und Mozart. Doch allzu viel bekommt das Publikum davon nicht zu hören, denn der Mann am Klavier leitet blitzschnell in eine andere bekannte Melodie über. Klassik mündet in den Beatles-Song »Let it be«, in »Schni-Schna-Schnappi« oder gar den Nokia-Klingelton. Und während der Zuhörer noch rätselt, welche Melodie das wohl sein könnte, ist er schon zwei Stücke weiter. Liberg plaudert gern – über Beethoven, der immer in der Badewanne komponiert habe. Er spielt ein Werk, das atonal abbricht: »Die Seife ist weggerutscht.«
Nur »Für Elise« kann der Komiker, der fünf Instrumente spielt, nicht leiden: »Jeder spielt das, keiner weiß, warum.« Und: »Diese Elise muss eine unglaublich dumme Pute gewesen sein.«
Nicht so recht leiden kann er auch André Rieu: »Der macht aus allem einen Walzer und spielt das Klavierkonzert von Tschaikowski auf der Geige.« Das habe Tschaikowski gewusst und deshalb viele Pausen eingebaut. »Ohne Pausen ist es nicht so interessant, aber viel kürzer.«
Hans Liberg liebt die Kürze. Bei Beethovens 5. Sinfonie spielt er nur die ersten Akkorde. »Das genügt völlig«, meint er. Und seine Nationalhymnen werden umso kürzer, je kleiner das Land ist. Monacos Hymne besteht nur noch aus einem Ton.
Sogar Hagen, die Volme und der spazieren gehende OB werden musikalisch charakterisiert: »Das funktioniert in jeder Stadt gut.«
Der Komiker, der auf die absurdesten Ideen kommt, weiß zu unterhalten: Er stampft beim Spielen mit dem Fuß auf, er singt, kreischt, hüpft herum, schneidet Grimassen. Er animiert das Publikum zum Klatschen, Singen, Pfeifen. Und er improvisiert gekonnt und reagiert auf Zuruf.
Auch das Orchester darf immer mal spielen und brilliert mit musikalischen Mixturen von E- bis U-Musik. Cellistin Melinda Riebau bietet stimmlich hervorragenden Jazz, die Musiker Edgar Wehrle, John Corbett, Alexander Schwalb begeistern mit der Papageno-Arie. Und GMD Antony Hermus muss höllisch auf den richtigen Zeitpunkt für den Orchestereinsatz aufpassen.
Für das große Vergnügen dankten die Hagener mit Standing Ovations.
Westfälische Rundschau, 09. 09. 2007