Am Ende gibt es nur Verlierer
Am Theater Hagen überzeugt Jake Heggies »Dead Man Walking« als eindrucksvolles Plädoyer gegen die Todesstrafe.
Auch wenn dem Theater Hagen finanziell seit Jahren der Wind empfindlich ins Gesicht schlägt, überrascht es doch immer wieder mit interessanten und sehenswerten Produktionen. Nach mehr als respektablen Einstudierungen so komplexer Werke wie Richard Strauss’ »Elektra«, Korngold »Tote Stadt« oder Wagners »Tannhäuser« kann die westfälische Bühne ihre Erfolgsbilanz jetzt auch mit einem Werk sehr amerikanischen Zuschnitts fortschreiben.
Alles andere als avangardistisch.
Wesentlichen Anteil an dem künstlerischen Höhenflug des Theaters ist Generalmusikdirektor Antony Hermus zu verdanken, der bei der Auswahl von Jake Heggies zweiaktiger Oper »Dead Man Walking« wieder einmal ein glückliches Händchen bewiesen hat. Das Werk geht auf ein Buch der Ordensschwester Helen Prejean zurück, das auch erfolgreich verfilmt wurde, und als eindruckvolles Plädoyer gegen die Todesstrafe fasziniert. Vor sieben Jahren in San Francisco uraufgeführt, konnte die Oper in Europa bisher in Wien und Dresden überzeugen, auch wenn sie sich amerikanisch konziliant und alles andere als avantgardistisch gibt.
Das Handlungsgerüst kreist um die Bemühungen der Nonne Helen, einen zum Tode verurteilten Mörder vor der Hinrichtung zu bewahren. Für Sister Helen gehört es zu ihrer christlichen Pflicht, einem Menschen auch dann beizustehen, wenn sie dessen bestialische Tat zutiefst verabscheut.
Es spricht für das Werk, dass es weder in Musik noch im Libretto das Problem sentimentalisiert. Die Tat wird nicht verharmlost, der Mörder wirkt so unsympathisch wie sein Verbrechen und die Ablehnungsbescheide der Gnadengesuche offenbaren eine schauderhafte administrative Kühle. Sowohl die Mutter des Täters als auch die Eltern der ermordeten Teenager kommen zu Wort. Am Ende feiert die Obrigkeit mit der Hinrichtung einen Sieg der Gerechtigkeit, der keinem dient und nur Verlierer hinterlässt.
Jake Heggie taucht das Geschehen in eine tonal gefärbte Musik, die trotz emotionaler Aufwallungen die nötige Distanz nicht verliert und die oft schwankenden und zweifelnden Gefühle aller Beteiligten differenziert reflektiert.
Figuren sprechen für sich.
Musik, die anrührt, aber nichts verharmlost. Ebenso »sachlich« geht Regisseur Roman Hovenbitzer mit der Story um. Er lässt vor allem die Figuren für sich sprechen, zeigt sie alle in ihrer persönlichen Verstrickung und Ausweglosigkeit. Antony Hermus kitzelt aus der Farbe soviel Spannung wie möglich und soviel Farbe wie nötig, ohne das Werk zu einem Rührstück zu verbiegen. Vorbildlich die Besetzung der nicht einfachen Hauptrollen. Herausragend: Kristine Larissa Funkhauser als Sister Helen und Frank Dolphin Wong als abgebrühter Schwerverbrecher. Zudem eine Ensembleleistung von sehr sorgfältiger Präzision bis in die kleinste Nebenrolle hinein.
NRZ, 14. 09. 2007
Beklemmende Stunden
Mit der amerikanischen Oper »Dead Man Walking« hat das Theater Hagen die Saison unter seinem neuen Intendanten Norbert Hilchenbach denkwürdig eröffnet. Nein, leichte Kost ist das wahrlich nicht, die da über drei Stunden serviert wird: Den Künstlern wie auch dem Publikum verlangt das eine Menge ab. Die Oper »Dead Man Walking« (englisch mit gut lesbaren deutschen Übertiteln) basiert auf dem gleichnamigen Buch der Ordensschwester Helen Prejean nach einer wahren Begebenheit. 1995 wurde der Stoff mit Susan Sarandon oscar-würdig verfilmt. Nach der Uraufführung im Jahr 2000 in San Francisco wurde die Oper 2006 erstmals in Deutschland an der Dresdner Semper-Oper inszeniert. Und jetzt in Hagen.
Ein Wagnis, eine mutige Entscheidung, die allen Respekt und größte Anerkennung verdient. Marilyn Bennett singt und verkörpert Schwester Helen mit erschütternder Eindringlichkeit und berührender innerer Zerrissenheit. Sie begleitet den zum Tode verurteilten Joseph de Rocher auf seinem letzten Gang zur Hinrichtung. »Dead Man Walking« rufen die Wärter – »Ein toter Mann ist unterwegs«. Radoslaw Wielgus interpretiert die Rolle des Verurteilten mit unglaublicher Intensität, Stimmkraft und Schauspielkunst. Die moderne Musik von Jake Heggie, die auch einige Gospel-, Rock- und Musical-Elemente enthält, wird unter der bestechend präzisen Leitung von GMD Antony Hermus mit den Hagener Philharmonikern aufwühlend weit über die Gänsehaut-Schwelle gehoben. Großartig!
Die Premiere war nicht ausverkauft; zur Pause gingen weitere Gäste: Diese Oper fordert akustisch wie optisch Grenzwertiges. Roman Hovenbitzer kann auf hervorragende Stimmen und Instrumentalisten zurückgreifen, das nüchtern-sterile Bühnenbild von Jan Bammes setzt weitere Akzente, und die riesigen Video-Einspielungen (Thorsten Alich), die sich immer wieder wie ein transparenter Vorhang über die ganze Bühnendimension legen, sorgen für geradezu atemlose Spannung.
»Dead Man Walking« ist natürlich ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Todesstrafe. Doch wird der Blick auf die Opfer und ihre Angehörigen nicht ausgeblendet, sondern in das Gesamtbild eingebunden. So klingt die inbrünstige Klage der beiden Elternpaare (Anneli Pfeffer, Kristine Larissa Funkhauser, Werner Hahn und Richard van Gemert) über den Verlust der ermordeten Kinder als ergreifendes Zeugnis abgrundtiefster Seelenpein.
Erstmals wohl in der Hagener Theatergeschichte wird eine Hinrichtung nach amerikanischem Muster auf der Bühne dargestellt. Eine Beklemmung greift dabei Raum, die die Sinne noch einmal aufs Äußerste fordert und das Publikum in eine Nacht entlässt, die anders sein wird als sonst.
Westfalenpost, 09. 09. 2007
Amerika, Amerika
Es ist die Begegnung mit dem »guten« Amerika, wie wir es aus den Dramen und Filmen der 50er Jahre kennen – ein personalisierter Konflikt mit vorsichtigem Einbezug gesellschaftlicher Bedingungen, eine konzentriert erzählte Geschichte mit emotionalisierenden Alltagsszenen, die eindeutige Konfrontation von Gut und Böse mit ungelösten Zwischentönen, die Fixierung auf eine sich selbst nicht sicherer »Heldin«: mit einem moralisch korrekten Ende, aber ohne Lösungen zu provozieren – die können sich in den Köpfen der Zuschauer eventuell ergeben.
Terrence McNally (Masterclass) schreibt ein Libretto mit all diesen erprobten Ingerdienzien – und es ist unstatthaft, der kalkulierten Konstruktion den tiefen Ernst abzusprechen.
Jake Heggie nutzt für die Todeszellen-Oper die konventionellen Mittel amerikanischen Musiktheaters - eine Struktur nach dem Vorbild der Oper des 19. Jahrhunderts, intoniert Folk-Passagen, rekurriert auf Jazz und Gospel, übernimmt Musical-Attitüden und beschreibt auf diese Weise operationalisierte menschliche Gefühle – und erinnert permanent an die großen Meister der Musik Hollywoods wie Herrman, Rojas oder Korngold.
Antony Hermus wird mit den differenziert aufspielenden Musikern des Philharmonischen Orchesters Hagen den gefühlsträchtig-eingängigen Angeboten fantastisch fertig – technisch perfekt, ohne Aplomb, aber auch ohne nahe liegende Sentimentalität, gelingt ein musikalisch berührender Abend.
Roman Hovenbitzer inszeniert das gebrochene Engagement der Schwester Helen für den Todeskandidaten Joseph De Rocher mit ihren belastenden Begegnungen mit den Eltern der Mord-Opfer mit viel Verständnis für den american style und mit dessen Vorliebe für theatralische Gesten – aber auch mit viel Sensibilität für die plakativ-leidenden Personen.
Jan Bammes stellt eine kultivierte Knast-Architektur auf die Bühne, variiert die Szenerie durch eine dazwischengebaute Milchglas-Wand und gibt auf einer portalgroßen Projektionsfläche Gelegenheiten für die brutal-segmentierten Videos vom Mord und unterschwelligen Imaginationen von Thorsten Alich.
Die vorzüglichen Sänger-Darsteller des Hagener Ensembles spielen ihre Rollen genregerecht perfekt, lassen sich mit viel Emotion auf die sängerischen Herausforderungen ein: Kristine Larissa Funkhauser als stimmlich-variable Sister Helen, Frank Dolphin Wong als aggressiv stimmgestaltender Dead Man, Tanja Schun als frei intonierende Kitty, Christine Hansmann als Mörder-Mutter mit bemerkenswerten Zwischentönen; Werner Hahn als kämpferischem Owen und Marilyn Bennett als Jade Boucher gelingen eindrucksvolle Rollen-Porträts. Das gesamte Hagner Ensemble überzeugt mit darstellerisch-stimmlicher Kompetenz.
1993 das Buch von Helen Prejean, 1995 der oscar-prämierte Film mit Susan Sarandon, 2000 die Premiere der Oper in San Francisco mit nachfolgenden Aufführungen in englischsprachigen Ländern, Juni 2006 die deutsche Premiere in Dresden (Nikolaus Lehnhoff) – und noch vor der Präsentation im Theater an der Wien die bewundernswerte Aufführung in Hagen! Das Hagener Publikum lässt sich auf Thema, Problematik, Erzählstruktur und musikalischen Duktus ein, weiß die Leistungen von Orchester, Gesang-Solisten und Bühne zu schätzen – und verlässt nach dem atemraubenden Schluss – die Hinrichtung ohne Musik – durchaus nachdenklich das Theater.
opernnetz
Bei der Hinrichtung schweigt die Musik
»Toter Mann unterwegs« wird in den USA der Gang eines Todeskandidaten zur Hinrichtung genannt. Das Thema greift der amerikanische Komponist Jake Heggie auf. Er zeichnet große Gefühle und Menschen in Grenzsituationen in seiner tief berührenden Oper.
Die Bühne ist dunkel. Die Scheinwerfer eines Autos flammen auf. Ein junges Paar, das nackt vom Schwimmen kommt, liebt sich im Freien. Schemenhaft tauchen zwei Männer auf. Die Musik malt die Szene aus, verhalten, bedrohlich. Ein Mann geht auf das Paar zu. Als der Junge ihm entgegentreten will, wird er ermordet. Die Vergewaltigung des Mädchens zeigt der eingeblendete Film in Andeutungen: ein wilder Kampf, ein schmerzverzerrtes Gesicht, die junge Frau, die wegkriechen will. Doch auch sie entkommt dem Mörder nicht.
Diesen ungewöhnlichen Einstieg in eine Oper hat Regisseur Roman Hovenbitzer mit theatralischer Wucht gestaltet – und er hält die Spannung tatsächlich bis zum Schluss aufrecht. Mehrfach verwendet er Filmszenen als Verbeugung vor dem gleichnamigen Tim Robbins-Film.
Hagen ist nach Dresden (2006) die zweite deutsche Station der Oper, die in den USA für volle Häuser sorgt. Das aktuelle Thema kommt an – obwohl der Komponist und sein Librettist Terrence McNally die umstrittene Praxis der Todesstrafe nicht in den Vordergrund stellen. Doch die Frage danach ist allgegenwärtig: »Wenn ihr glaubt, töten sei schlecht, schaut euch doch selbst an«, stellt der Mörder Joseph De Rocher fest.
Die große Oper umfasst 18 Kammerspiel-Szenen. Sie lebt von ihren Hauptdarstellern: Sister Helen begleitet den Todeskandidaten Joseph bis zur Hinrichtung. In Marilyn Bennett und Radoslaw Wielgus als Gast stehen dem Regisseur zwei herausragende Sängerdarsteller zur Verfügung. Mit warm leuchtendem Sopran und innigem Spiel zeichnet Marilyn Bennett die Gefühle Helens: die Angst zu versagen, vor dem ersten Treffen mit Joseph, vor der Hinrichtung. Sie setzt sich mit den Angehörigen der Opfer auseinander, erträgt Vorwürfe und Hass. Nach einem Zusammenbruch schafft sie es, in ihrem Glauben die Kraft für ihre Aufgabe zu finden.
Auch Radoslaw Wielgus gestaltet seinen Part mit ausdrucksstarkem Bariton hervorragend: die Einsamkeit, die Angst, die Verzweiflung, die Verstocktheit des Mörders, der seine Tat leugnet. Die menschliche Wärme Helens bringt ihn dazu, sich seiner Schuld zu stellen. Er gesteht und bittet die Familien der Opfer um Vergebung.
Einen kastenartigen Raum, der ans Gefängnis erinnert, entwarf Ausstatter Jan Bammes: Der Todestrakt ist steril, von kaltem Neonlicht beleuchtet, unmenschlich, erstickt jedes Gefühl.
Die Themen Schuld und Erlösung, Rache und Vergebung inspirierten Jake Heggie zu seiner ersten Oper. Seine Musik, in der er sich mit Arien und Ensembles an die Opernform hält, lebt von Kontrasten und mischt verschiedene Stile: Sie ist romantisch, emotionsgeladen oder von dramatischer Kraft. Die musikalischen Stimmungen werden vom Orchester unter der Leitung von GMD Antony Hermus plastisch und wirkungsvoll herausgearbeitet.
Als die Hinrichtung beginnt und das Gift eingeleitet wird, verstummt die Musik. Es ist totenstill. Nur das Hämmern einer Maschine ist zu hören ...
Westfälische Rundschau, 09. 09. 2007