Spannungsgeladene Charakterstudien
Als Festkonzert zum 100. Geburtstag des Philharmonischen Orchesters Hagen stand das dritte Sinfoniekonzert unter dem vielsagenden Motto »Konzert für Orchester«…
Zu Beethovens späten Werken zählt die kaum bekannte, 1822 zur feierlichen Wiedereröffnung des Josephstädter Theaters verfasste Ouvertüre zu »Die Weihe des Hauses«, die eine Art späte Hommage an die großen barocken Vorbilder Bach und Händel darstellt. Dem feierlichen Eingangsmarsch verlieh das Orchester unter Antony Hermus getragen-festlichen Charakter mit gemäßigtem, jedoch klar definiertem Metrum und einer strahlenden, lupenrein intonierten Trompetenfanfare, während das temperamentvoll-virtuose Thema des Hauptteils an die Tradition der barocken Fuge gemahnte, deren vielschichtige polyphone Einsätze mustergültig herausgearbeitet und zu einer prachtvollen festlichen Schlusscoda verdichtet wurden.
Zum »100.« begrüßte Antony Hermus die zahlreichen Zuschauer samt Ehrengästen, während Bürgermeister Dr. Hans-Dieter Fischer die zentrale Bedeutung des Orchesters als Rückgrat der (noch) vitalen südwestfälischen Kulturlandschaft herausstellte. Als ältestes ehemaliges Mitglied des Orchesters empfing Antony Hermus als besonderen Gast den 95-jährigen Violinisten Gerhard Hagemann, der im druckfrisch erschienenen Festband interessante und unterhaltsame Anekdoten aus früheren Zeitepochen zu berichten weiß.
Zum 100. Geburtstag wurde die Auftragskomposition eines zeitgenössischen Komponisten aufgeführt: Das Concerto für Orchester »Irides« des 1972 in Krefeld geborenen Martin Gerigk ist eine Suite, bestehend aus vier spannungsgeladenen, ausdrucksintensiven Charakterstudien, die das Themenfeld »Augen, Augenblicke, Augenfarben« als klangmalerisch-illustrative Situationsbeschreibungen beleuchten.
Mit großem Atem und zupackendem Spiel
Hier wurde mit sparsamsten, ostinat wiederholten, minimalistischen Motiven und schwebenden tonalen Flächen auf kleinstem Raum ein schillerndes, atmosphärisch verdichtetes kammermusikalisches Spiel entfaltet.
Den Prototyp romantisch verklärter, schwärmerischer Programmmusik, bei der in sinfonisch gebundener Form eine Geschichte erzählt wird, schuf Hector Berlioz 1830 drei Jahre nach Beethovens Tod mit seiner unsterblichen »Sinfonie Fantastique«. Die fünf »Episoden aus dem Leben eines Künstlers«, die mit klangmalerisch suggestiver Tonsprache und bis dahin unerhörter Rafinesse der instrumentalen Orchestrierung nacherzählt werden, verfehlten auch in Hagen ihre hypnotische Sogwirkung nicht.
Die »Blaue Blume« als Metapher für das schwärmerische Lebensgefühl der romantischen Epoche - Antony Hermus und das Orchester fanden sie in allen fünf Sätzen des gigantischen sinfonischen Monumentes. Das Hauptthema des Kopfsatzes, in Berlioz’ Fantasie als »Idee Fixe« Symbol für die geliebte Angebetete und Schwarm der rastlosen Künstlerseele (mit realem Hintergrund in Berlioz’ Biografie), zieht sich wie ein motivischer roter Faden durch das gesamte Werk, erscheint mal anmutig-elegant als Unisono-Kantilene in den Violinen, mal als beschwingte Walzerszene, mal als pastorale Hirtenweise vom Englisch-Horn, mal als grotesk verzerrte Fratze eines Hexensabbats in den sarkastisch quäkenden Klarinetten.
Mit großem romantischem Atem, zupackendem, energiegeladenem Spiel, enormen dynamischen Kraftreserven und famosen solistischen Einlagen der Holzbläser entfachten die bis in die Fingerspitzen motivierten Hagener Musiker ein prachtvolles Fest großer orchestraler Sinfonik. Die frenetischen Ovationen in der Stadthalle zeigten, wie verdammt vital »Hundertjährige« immer noch sein können!
Westfälische Rundschau, 10. 10. 2007