Geld macht Liebe
Es geht natürlich zu allererst einmal um Liebe in Rossinis bekanntester Oper Der Barbier von Sevilla. Worum auch sonst. Die beiden Hauptpersonen, deren Hauptbeschäftigung ist, Liebende zu sein, sollen natürlich zueinanderfinden. Doch genauer hingesehen, geht es auch ständig um Geld. Vor allem Bartolo und Basilio sind vornehmlich daran interessiert, aber auch Marzelline und Figaro handeln nicht gerade aus reiner Menschenliebe. Die deutschsprachige Aufführung am Hagener Theater gibt Gelegenheit, dem Libretto diesen Aspekt abzulauschen. Unterstützt wird dies natürlich nicht zuletzt durch die recht deutliche Diktion, mit der die Ensemblemitglieder aufwarten. Regisseur Rainer Friedemann, so zeigt sich, hat sehr genau auf den Text gesehen für seine Inszenierung. Das finanzielle Interesse der Personen wird besonders deutlich gemacht und sogar noch weiter geführt als man denkt, wie am Ende deutlich wird.
Zunächst zeigt sich auf der Bühne (Ausstattung Olaf Zombeck) das Wohnhaus des Bartolo, in dem Rosine regelrecht gefangengehalten wird, als schwarze fensterlose Festung. Zusammengesetzt ist es aus Quadern, die schwarzen Särgen gleichen. »Wie wenn ich im Grab wäre«, klagt Rosine auch zu Beginn. Bartolo sitzt indessen gemütlich als Lebemann auf der palmenbestückten Dachterrasse im Liegestuhl. Ihre erste große Arie singt Rosine in ihrem Zimmer, das gänzlich verspiegelt eine üppig ausgestattete Garderobe ist. Ein Kleid nach dem andern hält sie sich an. Eitel ist sie, wie eigentlich alle in diesem Spiel. Das Hausmädchen Marzelline neidet der Herrin die schönen Kleider. Bartolo ist ein aufgeputzter alberner Geck, übertroffen wird er darin noch von Basilio, der im cremefarbenen Anzug und Fuchsschwanz sich immerzu im mitgebrachten Handspiegel bewundert. Auch der Figaro ist ein komischer, eitel gestylter Kauz mit bunten modischen Brillen und schräger Kappe, aber stets sympathisch und witzig.
Die Regie konnte mit ihren vielfach heiter gelungenen Ideen auf ein starkes Darstellerensemble zurückgreifen. Das Spiel der Solisten ist durchgängig engagiert und dabei sehr bewegt. Nur gelegentlich, zum Beispiel wenn das Klavier bei der Gesangstunde dampfend auseinanderberstet, wird oberflächlicher Klamauk produziert. Ein paar überflüssige Effekte sind allerdings auch anzutreffen, so wie eine Jalousie, deren Funktion ohne hin nicht recht einleuchtet, stets hoch und runter fährt, um Spannung zu erzeugen. Die Lichtregie wechselt rotes und blaues Licht wiederholt und allzu plakativ ab.
Musikalisch konnte das Sängerteam sehr überzeugen. Die Ensembles erweisen sich als sehr gut einstudiert, sind stets frisch und auf dem Punkt zusammen. Besonders intensiv gelingt das Finale des ersten Aktes. Die Protagonisten staunen über die Vorgänge im Hause Bartolos und singen sich dann in Rage. Bestens dynamisch entwickelt wird die Szenerie gemeinsam mit dem Chor. Marilyn Bennett erklingt als Rosine sehr gehaltvoll. Klangvoll und souverän bewätigt sie die Koloraturen. Bernd Valentin als Figaro führt seine Stimme vital durch die halsbrecherischen Läufe. Er bietet dabei auch auffallend gute Diktion, was besonders beeindruckt bei einer deutschsprachigen Aufführung. Arnd Gothe als Bartolo und Jae Jun Lee als Basilio bringen ebenfalls beachtliche Leistung. Aufhorchen lässt auch Silvia Zanot als Marzelline. Lediglich Dominik Wortig als Graf Almaviva zeigt sich mit der anspruchsvollen Partie überfordert. Seine Stimme bleibt flach an den kritischen Stellen, Anstrengung ist leider wiederholt herauszuhören.
Das Orchester unter Antony Hermus entwickelt die Ouvertüre zunächst noch recht zaghaft, bietet dann aber mit der konzentrierten Ausführung der Partitur eine hervorragende Begleitung der Sänger. Der Zusammenklang federt gut, Dirigent Hermus moduliert besonders sorgsam die Übergänge und es entfalten sich schöne Kantilenen.
Die Abschlussszene der Oper gelingt trefflich, denn hier trumpft die Inszenierung noch einmal auf. Schon vorher war aufgefallen, dass die gewitzte Rosine längst Bescheid weiß über den Lauf der Dinge. Sie ist eben wirklich ein kluges Mädchen und gerissener als alle gedacht haben. Von Anfang an steht sie mit Figaro im Bunde. Nachdem schließlich ihre Hochzeit mit dem Grafen besiegelt und besungen wurde, fällt sie Figaro freudig um den Hals. Die beiden sind das eigentliche Liebespaar. Klug eingefädelt wurde die Verehelichung mit dem Grafen. Um Liebe geht es da weniger – vielmehr dreht sich eben alles um den Zaster des reichen Herrn. Mit pfiffiger wie konsequenter Wendung geht eine intensive und heitere Aufführung zu Ende.
Online Musik Magazin, 10. 11. 2001