Premiere of Zemlinsky’s »Kleider machen Leute« in Hagen

 

Auf die richtige Marke kommt es an

Komische Opern, noch dazu deutsche, haben es schwer. Obwohl es ja so etwas wie eine Zemlisky-Renaissance gibt, ist die effektvolle musikalische Komödie Kleider machen Leute nach der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller weitgehend unbeachtet geblieben. Ein Versäumnis, wie die Hagener Neuinszenierung zeigt, denn die farbige und sehr unterhaltsame Partitur hätte einen Platz im Repertoire verdient. Ein Schneider, der versehentlich für einen reichen Grafen gehalten und dementsprechend hofiert wird (und bei der Gelegenheit gleich noch sein Liebesglück findet), bietet dazu noch die passende Vorlage für komödiantisch talentierte Regisseure – gute Gründe, diese Oper häufiger zu spielen.

Komödiantisches Talent zeigt Roman Hovenbitzer, der in Hagen für die Inszenierung verantwortlich ist, durchaus. Vor allem im Detail (auch wenn die Personenregie insgesamt noch konzentrierter sein könnte) gelingen ihm eine Reihe witziger Momente wie etwa ein subtil durchchoreographiertes Kaffeetrinken der bornierten Goldacher Bürger. Über die mitunter auch elegischen Zwischentöne Zemlinskys hört er dabei geflissentlich hinweg und sucht weniger die feinsinnige Komödie als den Schwank und die Nähe der unsentimentalen Zeitoper Hindemiths, Weills oder Kreneks (worauf auch Telefon und Auto verweisen), und auch Revue-Elemente (mit dem Kutscher, der die Geschichte ins Rollen bringt, als mephistophelischem Conferencier) fehlen nicht. Nicht einmal das liebestrunkene Happy-End darf aus diesem satirisch-unromantischen Schema ausbrechen: Nettchen, die sich in den vermeintlichen Grafen verliebt hat und sich unversehens mit einem Schneidergesellen verlobt sieht, stellt gar nicht erst Fragen nach ihrem zukünftigen sozialen Stand, sondern interessiert sich vielmehr für die körperliche Liebe, ganz gleich ob mit Graf oder Schneider.

Schon die Premiere hatte mit einer halben Stunde Verspätung beginnen müssen, weil die Technik streikte, und behoben war die Panne auch in der hier besprochenen dritten Vorstellung noch nicht. Dass einem durch die damit verbundenen Einschränkungen Wesentliches entgeht, ist nicht zu befürchten, denn die Ausstattung von Hank Irwin Kittel setzt auf vordergründigen Humor, der (zu) schnell durchschaubar ist. Das schweizerische Dorf Goldach, Ort der Handlung, wird zum Symbol für zeitgenössischen Markenwahn: Eine vergoldete Ruhmeshalle mit den eingegossenen Börsenkursen wichtiger Lifestyle-Unternehmen bildet den Hintergrund für das skurrile Treiben. Zwischentöne sind auch bei der Zeichnung der Charaktere nicht vorgesehen, Schneider Strapinsi ist ein naiver Dummkopf, die anderen blasierte Snobs, Nettchen ein flippiges (und in solcher Gesellschaft ziemlich gelangweiltes) Mädchen, ihr verschmähter Liebhaber Verehrer Böhni ein biedere Spießer mit Hang zur Intrige. Man kann sicher mehr aus dem Stoff machen als Hovenbitzer dies tut; zum Saisonabschluss verstärkt auf den Unterhaltungsaspekt zu setzen ist freilich auch ein nachvollziehbarer Zugang.

Sehr differenziert aber gelingt die musikalische Seite. Das Philharmonische Orchester Hagen spielt klangprächtig und nuanciert wie lange nicht mehr. Dirigent Antony Hermus findet den passenden Tonfall, der spätromantische Klangpracht mit kammermusikalischer Genauigkeit vereinbart, und auch die Mischung zwischen Musikkomödie und »seriöser« symphonischer Großform stimmt. Kor-Jan Dusseljee ist mit markantem, durchsetzungsfähigem Tenor ein überzeugender Schneider Strapinski, den Dusseljee konsequent als naiven Hinterwäldler anlegt. Dagmar Hesses leuchtender, auch in den dramatischen Passagen sehr kontrollierter Sopran ist ideal für die Partie des Nettchens, zumal die Sängerin als verführerisch langbeinige Amtsratstochter eine blendende Figur abgibt. Frank Dolphin Wong singt einen sehr akkuraten Prokuristen Böhne – dass seiner Stimme noch eine charakteristische Färbung fehlt, passt hier gut zur Rolle des verschmähten und darüber beleidigten Liebhabers, der mit gehobenem Ordnungssinn das falsche Spiel durchschaut und in die vermeintlich richtigen Bahnen zurück lenkt.

Sehr engagiert und präsent (wenn auch mitunter etwas zu »knallig«) singt der Chor, und überhaupt wird fast das gesamte ausgesprochen spielfreudige Hagener Ensemble aufgeboten. Dem kleinen Haus gelingt eine mehr als akzeptable Wiederbelebung dieser fast vergessenen Oper. Bleibt zu hoffen, dass der Charme von Kleider machen Leute sich an anderen Bühnen herumspricht – das Hagener Plädoyer für dieses Werk liefert starke Argumente für mehr Zemlinsky.

Online Musik Magazin, 08. 06. 2005

 

 

Zemlinsky hat eine hochromantisch-expressionistische Partitur geschrieben, die auf den Elementen Lied und Tanz basiert. Und so gewinnt GMD Antony Hermus aus dem stets präsenten Walzerrhythmus den glücklichen Schwung, der das Orchester in einem wahren Farbenrausch aufblühen läßt.

Westfalenpost, 30. 05. 2005

 

 

Gefeiert wird auch GMD Antony Hermus, der mit dem Philharmonischen Orchester die Schönheit der spätromantischen Musik, ihren Detailreichtum und ihre immer wieder durchschimmernde Komik herausarbeitet.

Westfälische Rundschau, 30. 05. 2005

 

 

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