Symphony Concert Philharmonic Orchestra Hagen

»Lutoslawski | Bruckner«

 

Totentanz und festlicher Choral

Der gute Ruf Hagens als Musikstadt gründet sich unter anderem auf die Beziehung des polnischen Komponisten Witold Lutoslawski (1913 – 1994) zu der westfälischen Kommune und ihrem damaligen verehrten Generalmusikdirektor Berthold Lehmann.

Im Jahr 1962 besuchte Lutoslawski erstmals ein Hagener Sinfoniekonzert, kurz darauf akzeptierte er einen Kompositionsauftrag für die Philharmonie. Das »Livre pour Orchestre«, Lehmann und dem Orchester gewidmet, wurde 1968 in Hagen uraufgeführt und gilt als Meilenstein im Werk des Komponisten.

Natürlich darf dieses den Philharmonikern auf den Leib geschriebene Opus im 100-Jahr-Jubiläum nicht im Sinfoniekonzert-Programm fehlen. GMD Dr. Antony Hermus und seine Musiker leisten in der Stadthalle eine engagierte Interpretation, die zeigt, welche Virtuosität Lutoslawski den Philharmonikern zutraut und die die Zuhörer mit einer kontrastreichen Auslotung der klanglichen und dynamischen Möglichkeiten eines Orchesters entzückt.

Ebenfalls gute Tradition in Hagen ist es seit Berthold Lehmann, Anton Bruckner mit Lutoslawski zu kombinieren. Heutzutage ist ein Bruckner aus finanziellen Gründen eine Seltenheit auf dem Hagener Konzertspielplan. Die Zuhörer feierten entsprechend das gewaltige Hörerlebnis von Bruckners letzter, unvollendeter Sinfonie mit begeistertem Beifall.

Antony Hermus gibt mit der »Neunten« sein Debüt als Bruckner-Interpret. Der hochbegabte junge Dirigent stellt den religiös-geistigen Gehalt des monumentalen Werks in den Vordergrund. Er trifft im ersten Satz den feierlichen Ton, ohne schleppend zu werden, wie es vielen Maestros passiert. Hermus kontrastiert das drohende Blech mit den aufschwingenden Liedern der Streicher und stellt bereits die Trauermarsch-Anklänge heraus, die im Scherzo zum Totentanz werden. Hier lässt Hermus die martialischen Schläge des massiven Blechs geradezu gespenstisch in das gezupfte Streicher-Spiel einbrechen. Das abschließende Adagio legt er als Mischung zwischen Gebet und blechgepanzertem Choral an.

Die Hagener Philharmoniker spielen nicht immer unfallfrei, es gibt aber viele wunderschön gelungene Passagen und Soli. Bei einer so großräumigen Klang-Architektur besteht überdies die Gefahr von Spannungsabfall, den Dirigent und Musiker nicht immer vermeiden können. Hörner, Wagner-Tuben, Trompeten und Posaunen stimmen nicht gut zusammen und sind oft zu laut gegen Streicher und Holzbläser disponiert. Das liegt aber auch daran, dass das Klangsegel über dem Orchesterpodium entfernt wurde, wodurch die ohnehin tückische Akustik in der Stadthalle noch unberechenbarer wird.

Westfalenpost, 19. 03. 2008

 

 

Ergriffenheit und dann Begeisterung

Ohne Solist und Kammermusiktrio geht's auch – grosse Werke unter dem Motto »... pour Orchestre« (für Orchester) standen im achten Sinfoniekonzert auf dem Spielplan. Dabei erinnerte Witold Lutoslawskis »Livre pour orchestre« zumindest die »ganz alten Hasen« unter den Hagener Konzertfreunden an die Uraufführung des Werkes unter der Leitung seines Widmungsträgers, des damaligen GMDs des Philharmonischen Orchesters Hagen, Berthold Lehmann, vor knapp 40 Jahren am 18. November 1968. Jetzt entfaltete das Orchester unter GMD Antony Hermus in vier »Chapitres« (Kapiteln) ein facettenreiches Kaleidoskop schillernder instrumentaler Farben, konzentrierter motivischer Arbeit und verdichteter klanglicher Atmosphäre mit schwerelos dahingleitenden Klangteppichen der Streicher, dissonanten Ausbrüchen und turbulenten Passagen. Die aus eigenwilligen Motivsplittern und Tonreihen der Klarinetten, des Xylophons und des Klavieres gespeisten Zwischenspiele gestalteten die Hagener Orchestermusiker nach eigenem Gusto ohne Stabführung des Dirigenten mit lustvoll- virtuoser Experimentierfreude. Die Zahl Neun ist in Komponistenkreisen eine bedeutungschwangere magische Zahl: »Es scheint, die Neunte ist eine Grenze – wer darüber hinaus will, muss fort. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe« (Arnold Schönberg). Dies gilt für Beethoven, Schubert, Mahler und Anton Bruckners unvollendet gebliebene neunte Sinfonie in d-moll. Meisterhaft geriet hier die allmähliche Entwicklung und Manifestation eines einzigen Grundtones aus einer klanglichen »Ursuppe« zu allmählich sich herauskristallisierenden motivischen Keimzellen mit den »Ur-Intervallen« Oktav- und Quintsprung wie aus dem Nichts am Anfang des Kopfsatzes. Dessen gewaltige Architektur wurde mit kluger dynamischer Disposition und untrüglichem Gespür für große romantische Bögen durchmessen. Als Kontrast zur eher spröden ersten Themengruppe erschien das Seitenthema als in lyrisch-kantablem Tonfall dahinfließende Gesangslinie. Das Scherzo erschien als abgründiger, gespenstischer Totentanz mit diabolischen Wutausbrüchen, das mit chromatischen Intervallen und Dissonanzen an die Grenzen der Tonalität ging. Im Adagio erbaute Bruckner eine gewaltige symphonische Kathedrale aus imposanten Klangmassiven, weit ausschweifenden thematischen Entwicklungen aber auch meditativen Inseln der Ruhe. Die letzte emphatische Steigerung zu einem dissonanten, aufschreienden Akkord im Finale wurde ganz zum Schluss in versöhnliche, überirdisch verklärte Pianoklänge aufgelöst, die mehr auf himmlische Freuden als auf irdische Widrigkeiten hindeuteten. Nach dem letzten Akkord lastete ergriffene Stille im Puiblikum – danach gab es für die Musiker begeisterte Ovationen!

Westfälische Rundschau, 19. 03. 2008

 

 

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