Philharmonic Children’s Day

 

Rasselbande mit Trommeln und Tröten

Wie Dompteure stiegen Antony Hermus und der Engländer Barry Russell gestern in die Manege des Philharmonischen Kindertages. Zu zähmen galt es mehr als wilde Tiere – nämlich hunderte Kinder, die mit Trommeln und Tröten richtig Rambazamba machten.

Blechbüchsen machen Krach. Sogar mächtig Krach, wenn man mit zwei Stöcken wild auf sie einhämmert: Beim Instrumenten-Bau-Workshop verwandelten junge und ältere Besucher ganze 100 Konserven in Trommeln. Dabei war Dose nicht gleich Dose. „Eine große macht einen tiefen Ton, weil sie größere Schallwellen erzeugen kann”, wusste der elfjährige Sebastian Bott. Woher? „Fünfte Klasse halt.”

Die Stadthalle wimmelte nur so von schlauen, kleinen Musikern, die eine Menge Spaß in den Backen und an der unkonventionellen Art des Musizierens hatten. Wie Nicole Fischer (12). »Ich habe einen Regenmacher gebastelt, mit einem Papprohr und Reis.« Und Nägeln. »Die sind dazu da, damit der Reis langsam runterrieselt und sich wie Regen anhört.«

Beim Instrumentenscratch, der sich unter der Anleitung von Barry Russell zur spontanen und tatsächlich harmonisch klingenden Rassel-Trommel-Polonaise durch die Stadthalle entwickelte, hielt sich Nicole lieber zurück. Die Zwölfjährige musste sich konzentrieren – auf ihren großen Auftritt bei dem Stück »Looking back – Moving forward«, das Russell mit Schülern für Hagen geschrieben hatte.

Ein ganzes Schuljahr hatte der englische Komponist an acht Schulen Ideen gesammelt und Klangbilder entwickelt. Er hat 200 Kindern Gehör verschafft und ihren Assoziationen mit Hagen auf improvisierten Instrumenten wie Plastiktüten oder Glasflaschen zum Klingen gebracht. Und er hat, gemeinsam mit Antony Hermus, das musikalische Ideen-Wirrwarr zwei Stunden vor der Premiere gezähmt – zu einem akkustischen Spiegelbild von Hagen. Herausgekommen ist eine Sinfonie mit fünf Sätzen, die hörbar erzählt, was Hagen war in seiner Vergangenheit: Industrie, Krieg, Wiederaufbau. Aber auch, was Hagen ist: »Heimat!« »Spaß!« »Schön!«, sangen die Kinder und machten Mut für eine Zukunft, die sich gestern quietschlebendig und musikalisch anhörte.

Westfälische Rundschau, 08. 06. 2008

 

 

100 Jahre Philharmonisches Orchester

Kinder lassen Stadthalle beben

Das Philharmonische Orchester feierte runden Geburtstag, aber noch nicht jeder kam bisher zum Zuge. »Die Zielgruppe der Kinder ist enorm wichtig geworden, aber sie fehlte bisher im Jubiläums-Programm«, meinte Generalmusikdirektor Antony Hermus.

Das änderte sich am Sonntag – die Stadthalle verwandelte sich einen ganzen Tag lang in einen musikalischen und kreativen Entdeckungsspielplatz für Kinder und Eltern. Nach etwas menschenleerem Start entwickelte sich der Philharmonische Kindertag dann doch noch zu einem Familien-Magneten. »Wir machen beim Instrumenten-Scratch mit, aber haben keine Ahnung, was da passiert«, berichteten die elfjährige Daniela Heil und ihre Freundin Lea. Gerade dieses Percussion-Experiment, das Hermus und der britische Komponist Berry Russell zusammen leiteten, interessierte viele. Alle Besucher schnappten sich leere Blechdosen und Pappkästen, Kronkorken, Nägel und Reis und bastelten Rasseln, Trommeln und Didgeridoos. Für Fußballfans gab's passend zur EM schwarze, rote und gelbe Klebestreifen zum Dekorieren.

Trommeln um die Wette

Später trommelten und rasselten Daniela und die anderen Teilnehmer auf den Treppen um die Wette. Ruhe in den »bunten Haufen« zu bekommen, war schwierig, trotzdem schafften es beide Musiker, die Instruktionen an die Scratcher weiterzugeben. Spontan lief die provisorische Percussion-Gruppe als Spielmannszug durchs Foyer und beendete das Experiment mit einem lebhaften Crescendo. »Es ist schon toll. Normalerweise technisch orientierte Menschen werden dazu gebracht, wie verrückt auf Blechdosen zu schlagen«, lachte Vater Detlev Guthke. Der Zweck des Tages war klar: Kinder auf spielerische Art für Rhythmus und Musik zu begeistern.

Auf afrikanische Art

Wer aus dem Trommeln nicht herauskam, konnte es anschließend auf afrikanische Art versuchen. Pascal Salimou veranstaltete eine Djembe-Session, bei dem er mit großer Gruppe 30 Trommeln rhythmisch bearbeitete. Während dessen nutzte das Spielmobil das sonnige Wetter und wartete draußen mit Hüpfburg, Bobbycars und T-Shirt-Bemalen auf. Nachmittags wurde dem Tag die Krone aufgesetzt. »Looking back – moving forward« hieß Russells Uraufführung, bei der 200 Kinder und das Philharmonischen Orchester mitwirkten.

Westfalenpost, 08. 06. 2008

 

 

Das bunte Lied des Regens

Musik ist ein Geburtsrecht

Der britische Komponist Barry Russell studiert mit 200 Schülerinnen und Schülern in Hagen ein Stück ein. Wie klingt der Regen? Wie viele Steinchen, die aneinander klacken. Konzentriert schlagen die Jungen und Mädchen der Klassen 3b und 3c in der Funckeparkschule Hagen ihre Kiesel zusammen. Sie proben für den Philharmonischen Kindertag. Der Komponist Barry Russell wird am 8. Juni in der Hagener Stadthalle mit 200 Schülerinnen und Schülern sein Stück »Looking Back, Moving Forward« uraufführen.

Die deutschen Jungen und Mädchen haben jetzt bereits in der zweiten Generation kaum noch Kontakt zu selbstgemachter Musik und Gesang. Wie verhängnisvoll sich dies gesellschaftlich auswirkt, hat inzwischen auch die Politik begriffen. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers zum Beispiel versucht, mit der Aktion »Jedem Kind ein Instrument« gegenzusteuern. Denn kulturelle Bildung, so lehrt die Erfahrung, ist kein Luxus, sondern ein notwendiges Rüstzeug auf dem Weg zum mündigen Bürger. Der britische Komponist Barry Russell ist ein Mann der ersten Stunde, wenn es um die Entwicklung von Musik-Initiativen mit Kindern geht.

Zum 100-Jahr-Jubiläum haben Dr. Antony Hermus und die Hagener Philharmoniker den renommierten Professor für ein einzigartiges Projekt nach Hagen geholt. Mit der eigens für den Kindertag geschriebenen Komposition »Looking Back, Moving Forward« erforschen Schülerinnen und Schüler von 6 bis 18 Jahren, wie ihre Stadt klingt. »Mit diesem Projekt werden Kinder befähigt, unterschiedliche Wege des Musizierens zu entdecken, mit Steinen, Weingläsern und so weiter. Alles ist Musik, und Musik kommt von allem«, schildert Barry Russell im Gespräch mit unserer Zeitung. »Wir haben nach der Musik der Brunnen, der Flüsse und der Brücken in der Stadt gesucht. Es ist sehr wichtig, dass die Themen von den Kindern kommen«, so Barry Russell. Aktives Musizieren fördert die Intelligenz und das Sozialverhalten, diese Tatsache ist wissenschaftlich belegt.

Dass Kinder außerdem seelisch verkümmern, wenn sie ihre Umgebung nur passiv erfahren, Musik etwa nur vom Tonträger hören, gilt ebenfalls als sicher. Doch eine der wirklich tragischen Folgen der 1968-er Bewegung war die Verteufelung der Kultur als Klassenfeind, die Stigmatisierung vor allem der klassischen Musik. In der Folge hat man den Musikunterricht an Schulen mit gutem Gewissen vernachlässigt, nicht-musizierende Eltern haben keinen Wert mehr darauf gelegt, ihre Kinder mit einem Instrument in Berührung zu bringen.

»Alles ist Musik, und Musik kommt von allem.« Barry Russell

In England ist das anders. Dort ist es seit den 1960erJahren üblich, dass Kinder in den Schulen musizieren und komponieren. »Was Simon Rattle heute mit den Berliner Philharmonikern macht, gilt in England bereits als altmodisch, weil er Kinder bespielt und nicht Kinder selber spielen lässt«, bilanziert Barry Russell. »Ich bin der erste Professor für Community Music und Community Education in England. Alle angehenden Musiker, die bei uns studieren, müssen jetzt lernen, mit Kindern zu arbeiten. Auch die Zuschüsse für die Orchester sind daran geknüpft, dass diese Jugendarbeit leisten.« Seit einigen Jahren haben sogenannte Education-Filme im Kino großen Erfolg, die zeigen, wie sich Kinder mithilfe von Musik aus ausweglosen sozialen Rollen befreien können. Auch Barry Russell unterstreicht die Notwendigkeit des aktiven Musizierens als Geburtsrecht jeden Kindes: »Musikalische Erziehung ist mehr als hören, sie ist Musik machen. Es ist gut, wenn Kinder die Literatur kennen lernen, Karneval der Tiere und so, aber das allein macht keinen Sinn. Kinder müssen gleichwertige Partner beim Musizieren sein.« Allerdings lassen sich mit Musik nicht die sozialen Konflikte des postindustriellen Alltags lösen. Barry Russell: »Integration durch Kulturarbeit? Da muss man sehr vorsichtig sein. Musiker sind keine Sozialarbeiter, keine Therapeuten. Es funktioniert nicht zu denken, ich schicke ein Orchester in die Schule und dann sind alle Gewaltprobleme an der Schule gelöst. Die Schlüsseltugend der musikalischen Bildung heißt Nachhaltigkeit.« Das Ergebnis ist jede Mühe wert, weiß Barry Russell. »Musik machen, das ist fantastisch. Um das zu schätzen, musst du verstehen, wie sie gemacht wird. Musik bereichert das Leben der Kinder. Ich weine oft in Aufführungen, weil das so emotional ist. In der Erwin-Hegemann-Schule hat ein türkischer Junge einen Rap geschrieben: ›Hagen, ich liebe dich, du bist meine Heimat.‹ Das war so ein wunderbarer Moment.«.

Westfalenpost, 01. 06. 2008

 

 

Volles Programm für den Philharmonischen Kindertag

Jetzt sind die Kinder dran. Das Philharmonische Orchester hat in seiner Jubiläumsspielzeit Konzerte für viele Zielgruppen gegeben. Eine Aktion für junge Musikfreunde stand noch aus. Bis jetzt. Am Sonntag, 8. Juni, findet der Philharmonische Kindertag in der Stadthalle statt. Ab 11 Uhr geht es im Wasserlosen Tal rund, bevor am Nachmittag das eigens für den Tag komponierte Stück »Looking back, moving forward« spielt wird.

Höhepunkt des Philharmonischen Kindertages ist die Uraufführung jenes Stückes, an dem 200 Kinder und Jugendliche aus Hagen beteiligt sind und die seit Monaten ergründen, wie ihre Heimatstadt klingt: »Hagen gestern, heute und morgen« lautete das Thema, das die Schüler in Ton und Tanz umsetzten. Der englische Komponist Barry Russell begleitete sie dabei, ließ sich von ihnen zum Stück »Looking back, moving forward« inspirieren. Ab 16 Uhr tragen die 200 jungen Hagener sowie die Philharmoniker das Stück vor. »Das ist eine spannende Sache für alle«, sagt GMD Antony Hermus.

Auch vor der Uraufführung dreht sich in der Stadthalle alles um Musik, wofür neben den Orchestermitgliedern auch diverse Institutionen sorgen, u. a. die Max-Reger-Musikschule: Um 11 Uhr spielt die Big Band im Foyer, um 13.20 Uhr tritt die integrative Band »Come together« auf, um 14 Uhr sind die Queerflötengruppe »Flauteenis« und ein Bläserensemble an der Reihe. Was die Uhrzeiten angeht, warnt Hermus allerdings: »Das Programm wird sich sicherlich um einige Minuten verschieben.« Dann solle niemand verärgert sein, es soll ein lustiger, lebhafter und spontaner Tag werden.

Auch die Stadtbücherei wirkt beim Kindertag mit – und zwar mit Musik: Die ehrenamtliche Mitarbeiterin Rita Krause spielt Gitarre und singt Kinderlieder. Zudem bietet die Bücherei mit dem Spielmobil und dem Historischen Zentrum Aktionen an wie T-Shirts bemalen (werden gestellt), Kinderschminken, Spiele und Basteleien für kleine Ritter und Prinzessinnen, die stilecht aus dem Theaterfundus eingekleidet werden.

Besucher, die sich aktiv mit Musik beschäftigen möchte, haben viele Möglichkeiten: Mehrmals am Tag finden Trommelworkshops statt. Um 12 Uhr beginnt das erste Hagener Instrumenten-Scratch. »Jeder kann mitmachen«, lädt Hermus ein. Sogar, wenn man weder ein Instrument spielt noch eines besitzt. Denn: Leere Flaschen und Dosen lassen sich mit einigen Reiskörnern darin leicht zu Shakern umfunktionieren, Blumentöpfe werden zu Trommeln. »Man kann solche Rhythmusinstrumente ganz einfach selbst bauen«, sagt Percussionist Heiko Schäfer aus dem Orchester. Anleitungen stehen im Internet unter www.theater.hagen.

Selbstgebaute Instrumente nutzen Michael Kersting und Simon Rosteck schon längst nicht mehr. Die beiden spielen in der Hagener Band »Sinnflut«. Während des Kindertages steht ihnen ein außergewöhnliches Erlebnis bevor: Komponist Barry Russell wählte ihren Song »Tagein, tagaus« als Schlussstück für sein Werk. »Ich dachte, er verwendet nur einzelne Passagen«, erzählt Rosteck. Doch Russell war von dem Song so angetan, dass er ihn eins zu eins übernahm und für das Orchester arrangierte. Michael Kersting wird den Text singen, begleitet von den Philharmonikern. Eine persönliche Premiere.

Westfalenpost, 30. 05. 2008

 

 

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