Farewell-Concert as General Music Director in Hagen

 

Eine einzigartige Karriere

Viele, viele Abschiedstränen sind geflossen beim letzten Sinfoniekonzert von GMD Dr. Antony Hermus und seinen Hagener Philharmonikern. Mit einem Programm von George Gershwin bis Martin Gerigk in der ausverkauften Stadthalle schließt sich für den 35-jährigen nach zehn Jahren Hagen der Kreis. Hermus bricht zu neuen Ufern auf.

Vom Praktikanten zum Generalmusikdirektor: Antony Hermus’ Karriere in Hagen bleibt einzigartig. Schon der junge Kapellmeister ließ aufhorchen. Ließ ahnen, welches große Talent hier heranwächst – man denke nur an sein spektakuläres Beethoven-Konzert 2002 in der Balver Höhle.

Als Antony Hermus in der Position des GMD die Verantwortung übernahm, musste er einen Scherbenhaufen aufkehren. Der von der Politik gegen jeden Rat installierte Verbund mit der Südwestfälischen Philharmonie war aus politischen Gründen gescheitert, das Orchester um acht Stellen verkleinert, der Etat erlaubte keine große Sinfonik und keine Starvirtuosen mehr. Hermus gelang beides: Er motivierte seine Musiker, und er konnte ein Publikum, das Mahler und Bruckner hören wollte, auch mit Haydn und mit jungen Solisten halten.

George Gershwin gehört zu den Lieblingskomponisten des Holländers, daher feierte er ein rauschendes Finale mit »Porgy and Bess – A Symphonic Picture« und »An American in Paris«. Hier zeigen sich Hermus’ Dirigier-Tugenden exemplarisch: Sein sensibles Klangbewusstsein, sein temperamentvoller Zugriff auf die Partitur, sein flexibles Rhythmusverständnis. Die Philharmoniker spielten brillant, verstärkt durch die Saxophone des Jugendjazz-Orchesters NRW. Das wunderbare junge Ensemble begeisterte bei Rolf Liebermanns »Concerto for Jazzband and Symphony Orchestra« durch knackigen Groove. Die Jugendarbeit ist eine Herzenssache für Hermus, hier hat sie schönste Früchte getragen.

Die Hagener Philharmoniker haben Ausnahmemusiker an ihren Pulten sitzen. Zum Beispiel Klaus Korte, der den Solopart im Konzert für Sopransaxophon und Orchester von Martin Gerigk mit äußerst delikat ausgesungenem Ton spielte: Gerigks Stück ist eine zum 100-Jahr-Jubiläum des Orchesters komponierte Uraufführung und damit sinnbildlich für die neuen Akzente, die Hermus gesetzt hat.

Im Unterschied zu manch anderen Maestros steht Hermus mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität. Das mag daran liegen, dass er Doktor der Wirtschaftsinformatik ist – die Eltern wollten, dass er erst etwas Solides studiert. Es liegt aber in erster Linie an seinem Charakter, dem alles Kapriziöse fremd ist.

Hochbegabter Dirigent setzt viele Impulse

Engagiert und interessiert hat er die Philharmoniker aus dem Graben herausgelockt, in die Schulen, ins gesellige Leben der Stadt. Umgekehrt brachte er durch Cross-Over-Initiativen mit Hans Liberg, Extrabreit, Jon Lord, Roby Lakatos, dem Kindertag und mit den Scratch-Projekten neue Hörer in den Konzertsaal.

Weil der Christ Antony Hermus ein Mensch ist, der positiv denkt und von Grund auf Anstand besitzt, bedankt er sich für die Chancen, die Hagen ihm geboten hat. Er spricht nicht darüber, dass er als GMD ein zermürbendes Doppelleben führen musste: Tagsüber Spardiskussionen im Rathaus. Abends beim Dirigieren Energie und Emotionen freisetzen. Täglich hat er sich, seine Musiker und seine Sänger trotz sehr bescheidenen Etats zu Höchstleistungen angespornt, die der Stadt einen hervorragenden Ruf eingebracht haben. Dennoch musste er die schiere Existenz von Orchester und Theater immer wieder aufs Neue vor der Politik rechtfertigen.

Als hellwacher Bürger weiß Antony Hermus, dass gerade in einer Stadt wie Hagen das Theater unverzichtbar ist, eben, weil es die Mitte hält und die Ränder integriert. Er ist nicht müde geworden, dies zu betonen. »Ich hoffe, Sie bleiben dem Orchester und dem Theater gewogen, und ich hoffe, Sie passen sehr gut auf«, das ist seine Abschiedsbitte. Künftig wird er in Amsterdam wohnen und als freiberuflicher Dirigent in der ganzen Welt unterwegs sein.

Das Konzert wurde mitgeschnitten und wird am 9. Juli um 20.05 Uhr auf Radio WDR 3 übertragen.

Westfalenpost, 26. 06. 2008

 

 

Ein Abschied in Tränen

Marylin Bennett konnte kaum sprechen, so sehr zitterte ihre Stimme: »Wir kennen Antony, seit er ein Junge ist, und jetzt geht er als Mann.«

Antony Hermus kämpfte auch mit den Tränen, als er seinem Orchester und dem Publikum Lebewohl sagte. »Derjenige ist reich, dem der Abschied schwer fällt. Ich fühle mich gerade sehr reich«, sagte der 35-Jährige.

Mit einer Bitte wandte er sich an die Zuhörer – und schoss dabei charmant gegen die radikalen Sparpläne in der Kultur: »Ich hoffe, Sie bleiben unserem Orchester und Theater weiterhin erhalten. Und passen Sie mir gut darauf auf.«

Die Hagener wollten Antony Hermus nicht gehen lassen und feierten »ihren« Generalmusikdirektor mit nicht endendem Applaus.

Westfälische Rundschau, 25. 06. 2008

 

 

Pure Lust am prallen Leben

Anstelle melancholischer Abschiedsstimmung servierte der kleine Mann mit der großen Austrahlung am Dirigentenpult als standesgemäßen Ausstand ein spritziges, rhythmisch fetziges Programm der gemäßigten Moderne, das mal mit schrägen, mal mit nachdenklichen Tönen garniert daherkam.

George Gershwins unsterbliche Melodik, welche nicht nur die »Rhapsodie in Blue«, sondern auch die eher ernste und tragische Jazz- Oper »Porgy and Bess« durchzieht, wurde von Arrangeur Russel Bennett als raffinierter, sinfonisch-jazziger Cocktail mit Namen von »Porgy and Bess – a Symphonic Picture« angerichtet. Die musikalische Spielfreude und engagierte Detailgenauigkeit, mit der Antony Hermus und das Philharmonische Orchester kammermusikalische Details ebenso wie große dynamische Bögen herausarbeiteten, ohne jemals akademisch trocken und angestrengt zu wirken, entzückte auch hier das Publikum. Beim melancholische »Summertime« wird so mach einer die vielzitierte »Träne im Knopfloch« verspürt haben!

Punktgenau zum Abschied des GMDs konnte Martin Gerigk, in der laufenden Jubiläumsspielzeit Haus und Hofkomponist in Hagen, sein brandneues Konzert »Backlights« für Sopransaxophon und Orchester präsentieren. In dieser musikalisch- klangsinnlichen Skizze über den alltäglichen Verkehrstrubel der Großstadt konnte Solist Klaus Korte mit Unterstützung des Orchesters eine bunt schillernde Palette dynamischer Ausdruckswerte entfalten und die expressiven Möglichkeiten von der elegischen Gesangslinie bis zu kraftvoll virtuosen Läufen in allen Registern ausspielen.

Ein »Concerto grosso« der ganz speziellen Art war im 1954 entstandenen »Concerto for Jazzband und Symphony Orchestra« von Rolf Liebermann. In einem lustvollen spielerischen Duell voller Musizierfreude spielten sich die Mitglieder des Hagener Orchesters mit den jungen Virtuosen des JugendJazzOrchesters NRW die Bälle zu. Filigran herauspräparierte Zwölfton- Motive des Orchesters wurden mit kraftvollen rhythmische Grooves, punktgenau platzierten Bläsersätzen und kraftvoll zupackenden Boogie-Klaviersoli von der Jazzband beantwortet.

Eine klangmalerisch-illustrative Reminiszenz an das turbulente Leben in der Weltstadt stellte zum Schluss Gershwins »An American in Paris« dar, in dem mit Pauken und Trompeten, Schlagzeug und Geigen sowie vier eifrig eingesetzten Autohupen die pure Lust am prallen Leben zelebriert wurde – symptomatisch für die Freude am sinnlichen Erlebnis von Klängen, die Antony Hermus in zehn Jahren dem Orchester und dem Publikum in Hagen vermittelt hat. Danke, Antony!

Westfälische Rundschau, 25. 06. 2008

 

 

Abschied vom Generalmusikdirektor

Die Ära des Mastro Antony Hermus ist zu Ende

Eine Ära ist gestern Abend zu Ende gegangen: »die Ära des Maestro Antony Hermus in Hagen«. Mit emotionalen Worten nahm Bürgermeister Dr. Hans-Dieter Fischer beim 10. Sinfoniekonzert Abschied vom Generalmusikdirektor Antony Hermus, der Hagen nach zehn Jahren verlässt. »Er ist ein Glücksfall für unsere Stadt gewesen«, sagte Fischer. Er bezeichnete Hermus als einen »Marathonmann in Sachen Musik« und hob hervor, dass dieser mit seiner Arbeit und mit seiner Persönlichkeit viel bewegt und viele bewegt habe. »Er hat uns gezeigt, was möglich ist, und die Menschen begeistert für seine Ideen.« Zustimmenden Applaus spendete das Publikum, als der Bürgermeister an Hermus’ Aufruf vor dem Sinfoniekonzert im Februar erinnerte, die Schande einer Nicht-Nachbesetzung seines Postens zu verhinden: »Antony hat immer seine Meinung gesagt und zu dieser gestanden, auch wenn er dem einen oder anderen nicht gepasst hat«, so Fischer. Sichtlich schwer fiel Hermus sein letzter Gang als Generalmusikdirektor vor das Hagener Publikum und befreiend wirkte sein herzliches Lachen über den Versprecher von Dr. Fischer, der ihn mit »Antonio« ansprach. »Wir hoffen, dass wir dich wiedersehen«, sprach Fischer dem Publikum aus der Seele, das nach den Worten lange klatschte.

Westfälische Rundschau, 24. 06. 2008

 

 

> close window