Symphony Concert Philharmonic Orchestra Hagen »

Wagner«

 

Bittersüßer Liebestod und Siegfrieds Idylle

Einen reinen Wagner-Abend erlebt man im Sinfoniekonzert selten. Umso glücklicher war das Publikum jetzt über das Angebot der Hagener Philharmoniker, die Stadthalle in ein Klein-Bayreuth zu verwandeln. …

Das Stück stellt enorme Anforderungen an den Dirigenten, der ein Zeitmaß finden muss, mit dem er das gut einstündige Werk ohne Spannungsverlust ausbalancieren kann und das gleichzeitig Wagners Notentext ohne szenische Hilfe zum Sprechen bringt. GMD Dr. Antony Hermus hat den Atem, der den Tristan von den revolutionären ersten Akkorden bis zum Liebestod mit vielen schillernden Schattierungen aufblühen lässt.

Hermus unterstreicht den Charakter der Partitur als Nachtstück, er modelliert die dunklen Orchesterfarben mit viel Gespür für satte Streichergrundierungen, gelegentlich durch die Holzbläser wie traumverloren aufgehellt. Im ersten Abschnitt spielt das Werk mit Raumklang-Effekten, die Königs-Hörner sind hinter der Bühne positioniert. Den zweiten Abschnitt entwickelt Hermus um das berühmte »O sink hernieder, Nacht der Liebe« zu einer erregend pulsierenden orchestralen Verführung.

Der Liebestod nähert sich auf Samtpfoten, eingeleitet durch das Englisch-Horn-Solo, das Rebecca Bröckel mit exquisitem Sinn für Tongebung und Artikulation gestaltet. Überhaupt spielen die Musiker brillant, wenn auch mit einigen Intonations-Unsicherheiten in den Flöten. Sie genießen jede Note und machen jeden Akkord zum sinnlichen Ereignis. »Tristan & Isolde. An Orchestral Passion« wurde aufgezeichnet und soll als CD erscheinen.

Bittersüße Tristan-Stimmung prägt die fünf »Wesendonck-Lieder« Wagners, die Hermus in der Orchesterbearbeitung Hans Werner Henzes interpretiert. Damit verabschiedet sich die wunderbare Wagner-Sängerin Liane Keegan; die Mezzosopranistin kehrt in ihre australische Heimat zurück. Liane Keegans modulationsfähiger Mezzosopran deutet die Texte um Liebe und Leiden mit dunkel-irisierendem Timbre und strahlenden Spitzenton-Akzenten aus, allerdings ist die schlechte Akustik der Stadthalle den »Wesendonck-Liedern« nicht besonders zuträglich. Selbst die kleine Kammerbesetzung übertönt die Sängerin, hier hätte Hermus das Orchester noch mehr zurücknehmen müssen.

Kein sinfonischer Wagner-Abend ohne »Siegfried-Idyll«, der einzigen Orchesterfassung seiner Opern, die der Komponist selber geschrieben hat. Auch hier glänzen die Streicher, vereint Hermus horndunkle Trauer und Waldvogel-Rufe zu geheimnisvoll pochenden Harmonien.

Das bestimmende Thema des letzten Sinfoniekonzerts dieser Saison war im Publikum das jüngst vom Rat der Stadt Hagen beschlossene Sparprogramm, das es dem Theater in Zukunft sehr schwer machen wird, Auslastung und Niveau zu halten. So verhehlte auch GMD Antony Hermus seine Enttäuschung über die Entscheidung nicht. »Kultur ist kein Luxus, wir Menschen brauchen Kultur wie die Luft, die wir atmen und das Wasser, das wir trinken«, appellierte Hermus an die Treue seiner Zuhörer.

Westfalenpost, 20. 06. 2007

 

 

Thematische Entwicklungen mit großem sinfonischem Atem

Statt eines heiter bis wolkigen Potpourris beliebter leichter Melodien, passend zur frühsommerlichen Atmospäre, wurde zum Saisonausklang der Sinfoniekonzerte schwere Kost mit massivem sinfonischem Besteck serviert.

Bei einer »Wallfahrt zu Wagner« kamen Orchester, Dirigent und nicht zuletzt die tapferen Zuhörer im brütenden Saunaklima der Stadthalle gehörig ins Schwitzen.

Dabei gestaltete Richard Wagner neben seinen weltumspannend mystischen Breitwand-Epen der großen Opern auch kammermusikalisch-intime Momente. So schuf er zum 33. Geburtstag von Liszts Tochter Cosima, seiner späteren Ehefrau, das »Siegfried-Idyll« – eigentlich für den kammermusikalischen Hausgebrauch.

Hier schuf das Orchester unter Antony Hermus trotz groß besetztem Orchesterapparat ein filigranes, transparentes Klangbild mit exquisiten Holzbläserfarben, einem samtig weichen Streicherton wie aus einem Guss und kristallklar intonierten, sanft leuchtenden Blechbläsern.

Eine besondere Hagener Erstaufführung waren die fünf »Wesendocnck«-Lieder in der Orchestrierung von Hans Werner Henze. Wagners Vertonung von fünf Gedichten seiner Geliebten Mathilde Wesendonck, ursprünglich für Sopran und Klavierbegeitung gesetzt, erschienen in der Orchestrierung von Felix Mottl in allzu dickem instrumentalem Pinselstrich. In der entschlackten, ausgedünnten Instrumentierung von Henze bestechen die fünf von Schopenhauer inspirierten poetisch-philosophischen Abhandlungen über die Erlösung der Leidenschaft durch den Übergang ins Schattenreich des Todes durch filigrane dynamische Abstufungen und reizvolle Klangkombinationen einzelner Streich- und Blasinstrumente. Die Australierin Liane Keegan setzte mit sanft aufleuchtendem Timbre und und dezent durchdringender vokaler Strahlkraft dem Geflecht der Instrumentalstimmen die akustische Krone auf. Die Mezzosopranistin traf, integriert in die dynamisch umsichtig gestaltete instrumentale Begleitung, die gespenstische, aschfahle Todessehnsucht in »Der Engel« und »Im Treibhaus« mit ebensolcher souveränen Sicherheit der Empfindung wie die selige Verklärtheit im abschließenden Lied »Träume«.

Eine Art instrumentale Inhaltsangabe und motivisch-thematische Zusammenfassung der grandiosen Oper »Tristan und Isolde« schuf der Niederländer Henk de Vlieger 1994 mit seiner einstündigen sinfonischen Fantasie »Tristan & Isolde. An Orchestral Passion«. Hier spiegelt sich das dramatische Treiben um Intrigen, Machtkämpfe und das stürmische Liebespaar, das gemeinsam in den erlösenden Tod gehen will, auch ohne szenische Darstellung in den thematischen Verzweigungen der Partitur. Hier zeichneten Antony Hermus und das Hagener Orchester groß angelegte dynamische Steigerungen und thematisch-motivische Entwicklungen als weitrechende Spannungsbögen mit großem sinfonischem Atem nach.

Am Schluss der Abenteuerexpedition durchs Wagners Klanggefilde bekamen von den begeisterten Ovationen fürs Orchester die Hornisten und die solistischen Holzbläser, allen voran das Englischhorn, den verdienten Sonderapplaus inklusive einem Gläschen Sekt, das Dirigent und Musikern zum Saisonabschluss kredenzt wurde.

Westfälische Rundschau, 20. 06. 2007

 

 

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