Der dirigierende Holländer, Hagens junger Generalmusikdirektor Antony Hermus, hat ebenfalls einen ebenso packenden wie persönlichen Zugriff entwickelt. Schon in der Ouvertüre lässt er die Musik vereisen, erstarren, sogar ersterben, bevor sie mit Energie und Esprit wieder hervor bricht. Hermus findet mit dem nach anfänglichen Mühen immer souveräner spielenden Philharmonischen Orchester die brutalen und feinfühligen, die verführerischen und verlogenen Momente und dirigiert mit Lust am theatralischen Effekt.
Stefan Keim, WDR 5 · Scala, 05. 07. 2004
Mythos dunkler Mächte
Von wegen »Schwärmerei«: der besorgte Erik irrt, Senta lebt in totaler Abhängigkeit von einer skrupellosen Sekte. Rainer Friedemann deutet Wagners Erlösungspathos um: es ist der Mythos eines satanischen Opferungsrituals, vor dem Erik die willenlos manipulierte Senta im letzten Moment rettet. Überraschend, zeitgemäß, in den Aktionen zwingend, emotional mitreißend, aber einen tic zu »pädagogisch wertvoll«. Das Philharmonische Orchester Hagen präsentiert sich in glänzender Verfassung.
Unter dem Maestro Antony Hermas gelingt ein berauschender Gesamtklang, mit hinreißend ausgespielten Passagen, die niemals die Balance zwischen Orchester und Sängern beeinträchtigen.
Schon mit Dominik Wortigs Steuermann-Lied beginnt die äußerst eindrucksvolle Vorstellung des bravourösen Hagener Solisten-Ensembles: Andrey Valiguras braucht einige unsichere Takte, um dann umso überzeugender dem überrumpelten Daland makellose Stimme zu verleihen. Carola Günthers Mary ist weit entfernt vom üblichen Gezeter, gibt eine zwielichtige Helferin des Bösen. Der Eric von Marc Horns besticht durch kraftvoll nuancierten Tenor, ist ein am Ende erfolgreicher Kämpfer gegen den bösen Ungeist. Dagmar Hesse gibt eine paralysierte Senta, das willenlose Opfer satanischer Kräfte, stimmlich ständig präsent, vielleicht mit etwas zuviel Schärfen in den extremen Höhen.
Ein Glücksfall: der phantastisch diszipliniert ambivalente Holländer, die Inkarnation des verführenden Bösen, ein wunderbar strömender Bariton mit dunklen Tiefen und unangestrengten forte-Passagen! Und nicht zu vergessen, ein hochmotivierter Chor (Leitung Uwe Münch) mit der diffizilen Aufgabe, sowohl die unbefangen fröhliche Volksmasse als auch die hermetisch-opfergierigen Satanisten emotional glaubwürdig zu verkörpern.
Walter Perdachers düstere Bühne gibt assoziativen Raum für das bedrohliche Spiel, spielt mit Räumen und Symbolen.
Man muss es in dieser Deutlichkeit sagen: die bräsig-knötternde Mehrheit im Hagener Publikum kann sich mit der ungewohnten Perspektive nicht abfinden, fühlt sich offenbar in ihren althergebrachten Vorstellungen nicht angemessen bedient, ist für Begeisterung nicht ansprechbar. Es ist an der Zeit, Ersatz für die lebenslang 75jährigen ins quirlige Haus in der Mitte der Drei-Flüsse-Stadt zu locken!.
opernnetz, 03. 07. 2004
Antony Hermus’ Dirigat lenkt alles Raue, Schroffe kompromisslos an unser Ohr, mit beinahe zu martialischem Blech. Dies, zudem fast schwebende Mischklänge und die Prononcierung von Wagners sprechenden Pausen, weist den Weg zum »Ring«, blickt weniger zurück auf Webersche Romantik …
Schwerter Zeitung, 05. 07. 2004
Hermus und sein Publikum – da stimmt die Chemie in der Physik der Schallwellen. Schon als er 1998 nach Hagen kam, fühlte sich der junge Studienleiter und baldige Erste Kapellmeister pudelwohl. Unter der Ägide von Generalmusikdirektor Georg Fritzsch spitzte er den Taktstock und erfuhr als junger Dirigent vor einem gereiften Orchester quasi spontan die notwendige Akzeptanz. Kein Wunder, der ebenso perfekt Klavier spielende wie die mächtigsten Opern- oder Orchesterpartituren souverän umsetzende junge Mann hatte einfach das Format – zu mehr.
Westfalenpost, 26. 06. 2004
Der junge Dirigent Antony Hermus hat am Theater Hagen eine Entwicklung durchgemacht, die wie die europäische Variante des amerikanischen Traums vom Aufstieg eines Tellerwäschers zum Millionär anmutet: Innerhalb von fünf Jahren arbeitete sich der junge Holländer vom Praktikanten über die Positionen des Studienleiters bis zum Generalmusikdirektor hoch. Hermus, der das Amt in der letzten Saison bereits kommissarisch ausgeübt und mit seinen vier Premieren die Herzen des Publikums erobert hat …
Das Opernglas, September 2004