Premiere von Strauss’ »Elektra« in Hagen

 

Die schwere Partitur …

… ist für Musiker und Sänger eine enorme Herausforderung. Das Hagener Theater hat den Kraftakt gewagt und ein beeindruckendes Drama auf die Bühne gebracht. Unter der sensiblen Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus gelingt dem 60 Mann starken Orchester ein ungemein spannendes Klanggemälde, in dem die Leidenschaften vorangetrieben und zugespitzt werden. Aber auch die lyrischen Passagen werden – Hoffnung auf Menschlichkeit verheißend – wunderbar ausgemalt.

Westfälische Rundschau, 30. 01. 2006

 

 

Rächerin und Opfer

Hugo von Hofmannsthals Elektra erzählt die Geschichte der Tochter Agamemnons. Als Mädchen wird sie Zeugin des Mordes an ihrem Vater. Von nun an ist es ihr einziges Ansinnen, an ihrer Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Aegisth Rache zu nehmen. Nachdem sie ihren Bruder Orest erfolgreich zum Racheakt getrieben hat, sinkt sie im größten Triumph tot nieder.

Regisseur Rainer Friedemann interpretiert den mythischen Stoff auf einer individual-psychologischen Ebene. Elektra ist Rächerin und Opfer zugleich. Ihr gelingt es, Orest zum Mord an der Mutter und ihrem Liebhaber anzustiften, wird jedoch von dessen blindem Blutrausch niedergestreckt. Chrysothemis wird nicht als indifferente Schwester dargestellt, die auf baldiges Mutterglück hofft, sondern spekuliert als ambitionierter Vamp selbst auf den Königsthron. Der Rächer Orest richtet sich selbst.

Die Bühne (Walter Perdacher) wird durch einen scharfen Riss geteilt. Dieser reflektiert nicht nur die unüberwindbare Kluft zwischen Elektra und ihrer Mutter, sondern auch die innere Zerrissenheit der Protagonisten.

Die Hagener Sänger – ob Gaststars oder Ensemblemitglieder – leisten Außergewöhnliches. Christine Teare gelingt es, mit ihrer wandlungsfähigen Stimme ein komplexes Bild der Elektra zu zeigen, wie man es selten zu hören bekommt. Dabei stellt sie nicht nur die Rachlust eindringlich durch harte Klänge dar – in den Erinnerungspassagen an ihre Kindheit verzaubert sie mit lyrischen Klängen und verleiht ihrer Elektra eine beeindruckende Komplexität. Weniger überzeugen kann Teare allerdings mit ihren über weite Strecken recht statischen Aktionen. Dagmar Hesse stellt die Besonderheiten einer emanzipierten Chrysothemis mit ihren stimmlichen wie schauspielerischen Qualitäten mit Bravour dar. Liane Keegan bietet einen grandiosen Auftritt als Klytämestra. Auch Frank Dolphin Wong weiß mit seinem warmen Bariton als Orest zu überzeugen. Die Aufführung wird getragen von einem überragenden Orchester unter der Leitung von Antony Hermus. Am Ende reißt ein laut auf der Bühne herumballernder Orest mit seinem Amoklauf Elektra, einiges Königsvolk und schließlich sich selbst in den Tod. Der Zuschauer erwacht abrupt aus der Illusion eines gelungenen Musiktheaterabends.

opernnetz, 01. 02. 2006

 

 

Im Blutrausch

Da wächst ein großes Talent heran: Antony Hermus seit einem Jahr GMD in Hagen. Der junge Dirigent imponiert mit Elektra, ließ trotz kompakter Klangattacken Raum fur Steigerungen, differenzierte klug diesen blutigen Klangrausch, hellte zumal die wenigen friedlichen Momente wunderbar wie lyrisch lichte Schneisen im mythosbeladenen Dunkel auf. Das Hagener Orchester folgte ihm ohne Probleme – bis auf die letzten Ekstasen im Finale – und landete ebenso wie das ensemble einen großen Theatercoup. Denn neben der orchestralen Wucht beeindruckte das hauseigene Ensemble mit bemerkenswertem Engagement. Es folgt den Strauss-Spuren fast in jeder Nuance. Elektra ist ein Gericht auf offener Bühne. Da stehen Kläger und angeklägte, Opfer und Täter nebeneinander in tödlicher, tragischer Abhängigkeit Bestraffte. Verlierer sind schließlich alle, das Ende ist nur noch Schrecken. Und der wird von Regisseur Rainer Friedemann noch gesteigert. Denn anders als der finale Tanz bei Strauss greift hier das Massensterben um sich – Orest erschießt fast alle, die ihm in die Nähe kommen. Leichen pflastern die Bühne. Auch Elektra sinkt tödlich getroffen zusammen. Diese Schlussvariante sorgte für einige Buhs, die Friedemann entgegenschlugen. Zuvor hatte er ziemlich geradlinig ein Psychodrama in antiken Geist beschworen. Auf der archaisch-klassischen Bühne von Walter Perdacher, der die Nazi-Architektur eines Albert Speer zitiert, vollzieht sich ein infernalisches Ritual. Blut ist das Thema, Blut muss fließen, blutt floss bereits in der Vorgeschichte. Die schönsten Momente der Aufführung liefert das Duett der Schwestern, wenn Chrysothemis dem Rachengel. Elektra von ihren ehelichen Sehnsüchten erzählt. Ruth Emileani singt die elektra mit heroischer Geste, sie braucht eine Zeit zum Anlauf, bis sie die richtige dramatische Verve trifft. Aber dann hält sie den Kraftakt bis zum brutalen Schluss durch. Dagmar hesse as Chryusotemis nimmt es mit ihr auf. Die Klytamnestra der Elane Keegan ist ein Mosnterweib, mit weißer Robe und blutigem Kleidersaum watet sie als Gestrige, die Fiasko und Katstrophe vorausahnt, durch den Körperplunder auf der Buhne. Frank Dolphin Wong stattet den Orest mit gebrochenen Farben aus, ürgen Dittebrand als Aegish will nur Party feiern. Fazit: Mit dieser Produktion kann sich Hagen sehen und hören lassen.

Opernwelt, march 2006

 

 

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