Opulentes Finale als würdiger Einstieg
Mit gewichtigen Gipfelwerken der sinfonischen Klassik läutete das Philharmonische Orchester Hagen das musikalische Neujahr ein Zum letzten Neujahrskonzert in seiner im Sommer zu Ende gehenden Amtszeit genehmigte sich GMD Antony Hermus mit Beethovens »Neunter« ein wahres orchestrales Schlachtross.
Zuvor jedoch stimmte die dritte Fassung der »Leonoren«-Ouvertüre die Zuhörer auf die revolutionäre Tonsprache Ludwig van Beethovens ein. Die dramaturgische Spannung der Opernhandlung spiegelt sich im Kontrast zwischen der getragen-würdevollen Einleitung sowie dem agilen, sprunghaften Dreiklangsthema wieder, deren wirbelnde Schluss-Coda klangsinnlich greifbar die Vereinigung zwischen den beiden Protagonisten Leonore und Florestan symbolisiert. Hier gelang dem Hagener Orchester eine energische, von scharf konturierter Themenartikulation und präzisen rhythmischen Einsätzen geprägte Interpretation.
Beethovens Sinfonie in d-moll op. 125 ist sein sinfonisches Testament und mit ihrer neuartigen Konzeption zur Verbindung von Sprache und Musik gleichzeitig ein Meilenstein auf dem Weg zur Programm-Musik. Die fahle Stimmung der an Bruckner erinnernden leeren Quintintervalle zu Beginn des Kopfsatzes sind Basis für konzentrierteste thematische Entwicklungen auf engem Raum fernab eingängiger, leichtfasslicher Melodik, die von Antony Hermus und dem Orchester mit akribischer Genauigkeit und in grossdimensionierten dynamischen Spannungsbögen nachgezeichnet wurde. Der gespenstische Gnomenreigen des rauschhaften Scherzos, einer bizarren Mischung aus Tanzreigen und kontrapunktischen Fugato-Satztechniken, kam mit unerbittlicher Metrik und punktgenau platzierten Akzenten zum Ausdruck.
Die heitere und gelassene Stimmung des choralartigen Variationsthemas im langsamen Adagio-Satz konnte sich mit der nötigen inneren Ruhe entfalten, plötzlich hereinbrechende Fanfaren kündigten mit klug angelegter Klangdramaturgie den feierlichen Hymnus des Finales an. Wo die Möglichkeiten der Instrumentalmusik am Ende sind, tritt das Wort als Ausdrucksmittel hinzu. Die Vertonung von Schillers »Ode an die Freude« gilt als Symbol für eine Botschaft des weltumspannenden Humanismus’ und friedlichen Zusammenlebens der Völker schlechthin. Nach einem turbulenten und mit klarer Präzision durchgeführten »Presto«-Abschnitt im Walzertakt wird die unsterbliche Ohrwurmmelodie zunächst durch alle Instrumentalstimmen geführt, wobei das Hagener Orchester mit einer beeindruckenden Vielfalt instrumentaler Klangfarben und Nuancen aufwarten konnte. Beim gesungenen Wort konnte sich Antony Hermus auf ein kompetentes, sich homogen zusammen fügendes Solistenquartett mit Rolf A. Scheider, Bass, Musa Duka Nkuna, Tenor, Marilyn Bennett, Alt, und Johanna Krumin, Sopran, verlassen. Zudem auf den gewaltigen Klangapparat des Chores, eigens für dieses Konzert aus Mitgliedern des Oratorienchores Letmathe, des Hagener Mozart- und Konzertchores sowie des Extrachores und des Kinderchores des Theaters Hagen. Ein opulentes Finale als würdiger Einstieg in das neue Jahr!
Westfälische Rundschau, 02. 01. 2008
Mit Beethoven ins neue Jahr
Das traditionelle Hagener Neujahrskonzert ist ebenso beliebt und ausverkauft wie sein berühmtes Wiener Pendant. In diesem Jahr erlebten die Besucher allerdings eine Überraschung. Statt Walzern und Polkas der Strauß-Familie und Radetzky-Marsch erklang die 9. Sinfonie Ludwig van Beethovens in einer emotional höchst bewegenden Aufführung.
Zum 100-jährigen Bestehen des Philharmonischen Orchesters hatte GMD Dr. Antony Hermus das erhebende Werk auf das Programm gesetzt. »Die Sinfonie steht für die menschlichen Werte in unserer Gesellschaft, insbesondere den Wert der Freiheit«, unterstrich Hermus. Und Oberbürgermeister Peter Demnitz betonte in seinem Neujahrs-Grußwort: »Wir alle können dem früheren Oberbürgermeister Cuno und dem Musikdirektor Laugs dankbar sein, dass sie den Mut hatten, eine solche künstlerische Institution ins Leben zu rufen. Für mich gibt es nicht den geringsten Zweifel: Theater und Philharmonie aus Hagen wegzudenken, käme einer Verarmung gleich, die wir uns nicht leisten können.«
Demnitz lobte die wunderbare Qualität des trotz seiner 100-jährigen Geschichte höchst vitalen Orchesters und bedankte sich vor allem bei dem scheidenden Generalmusikdirektor Antony Hermus »für seine tolle Arbeit in und für unsere Stadt«.
Westfalenpost, 03. 01. 2008
Ein überwältigendes Klangerlebnis
»Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!« Mit Beethovens »Neunter« geleitete das Philharmonische Orchester Hagen seine Zuhörer beim Neujahrskonzert im Kulturhaus triumphierend ins neue Jahr.
Vor restlos ausverkauftem Haus gelang den Gästen aus der Nachbarstadt unter Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus mit dem gewaltigen Werk, das im berühmten Schlusssatz mit seinem populären »Freude schöner Götterfunken«-Motiv Freiheit und Brüderlichkeit als höchstes Menschheitsgut anpreist, ein großer Wurf. Meisterhaft band Antony Hermus Solisten, Chöre aus der Region und sein fulminant auftrumpfenden Orchester in den vielgliedrigen Vokalabschnitt des berauschenden Finales ein. Als Solisten stimmten Johanna Krumin (Sopran), Marilyn Bennett (Mezzosopran), Musa Duka Nkuna (Tenor) und Rolf Scheider (Bass-Bariton), der mit seinem Einwurf »O Freunde, nicht diese Töne« das instrumentale Ringen um das »Freude schöner Götterfunken«-Thema beendete und zum vokalen Teil der Sinfonie überleitete, in Beethovens Freudenjubel ein.
Zum vollendeten, überwältigenden Klangerlebnis machten die Chöre – der Oratorienchor Letmathe (Einstudierung: Paul Breidenstein), der Mozart-Konzertchor (Einstudierung: Albert Boehres), der Extra-Chor des Theaters Hagen (Einstudierung: Uwe Münch) und der Kinderchor des Theaters Hagen (Einstudierung: Caroline Bosch) – Beethovens zeitloses Vermächtnis. Über 200 Mitwirkende, mit nicht enden wollendem Applaus stürmisch gefeiert, begrüßten mit dem Monumentalwerk – wie vielerorts üblich – das neue Jahr. Bei der Zugabe durften die Zuhörer noch einmal im Klangrausch des grandiosen Schluss-Prestissimos schwelgen. Mit dem Zitat »Warum in die Ferne schweifen« hieß Bürgermeister Dieter Dzewas, der zum neuen Jahr Grüße von Rat und Verwaltung der Stadt überbrachte, die virtuosen Gäste aus der Nachbarstadt willkommen.
Kooperation
»Die Kooperation lässt sich gut an«, freute er sich angesichts knapper Kassen über den glücklichen kulturellen Zusammenschluss. Beethovens Ouvertüre Leonore III" op. 72a aus dem Jahre 1806, einst als Einleitung zur Oper »Fidelio« konzipiert, ging der »Neunten« als kühner Befreiungsakt voraus. Spannungsreich und diffizil skizzierte das Orchester unter Antony Hermus emphatisch und leidenschaftlich gestaltender Hand das Handlungsgerüst des dramatischen Bühnenwerks, das erst nach mehreren Umarbeitungen seinen Siegeszug antrat. Aus der Ferne kündeten Trompeten die Rettung Leonores und ihres Gatten Florestan aus lebensbedrohlicher Lage an. In strahlenden Klangfarben feierten die Musiker die Freiheit als höchstes Gut.
In vier mächtigen Sätzen trotzten die Hagener in der Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125 – Beethoven war zur Zeit ihrer Entstehung bereits taub und zutiefst frustriert über die politische Entwicklung nach den Befreiungskriegen – den Triumph über ein widriges, missliches Schicksal ab. Grimmig und kraftvoll geriet im Kopfsatz das vergebliche Anrennen gegen waltende Kräfte. Rastlos und lebhaft bewegt trieb das vorgezogene Scherzo voran. Zunächst instrumental, durch Dissonanzen rasch verworfen, dann vokal ließ das ausdrucksstark brillierende Orchester die Freude, für die Schillers Ode »An die Freude« Pate stand, über alle Widrigkeiten triumphieren.
Westfälische Rundschau Lüdenscheid, 08. 01. 2008