Spannendes Gipfeltreffen
Die Breiten-Kultur hat eine neue Definition: Philharmonisch kommen Kai Havaii, Stefan Klein und ihre Freunde jetzt auf die Bühne. ...
... Beim musikalischen Gipfeltreffen zwischen der Gruppe Extrabreit und den Hagener Philharmonikern im zweimal ausverkauften Iserlohner Parktheater schlugen die Herzen im hämmernden Beat von handgemachtem Rock ebenso wie im Takt aufregender Klassik-Klänge.
Der »Urbreite« Stefan Klein spielt eigentlich Gitarre, hat aber jetzt seine Leidenschaft fürs Dirigieren entdeckt. Bei der »Carmen«-Ouvertüre stellt sich St. Kleinkrieg vor das Orchester und probt für eine neue Karriere: die Nachfolge des Hagener Generalmusikdirektors Dr. Antony Hermus, der die Philharmoniker im Sommer verlässt.
Bassist Lars Larsson pflegt derweil andere Leidenschaften. Zwischen »Hart wie Marmelade« und »Flieger« flirtet er schüchtern mit der blonden Bratscherin und wagt diverse Abstecher zu seinen Kollegen am Kontrabass. Wieder bei »Carmen« darf er auch mal an das große Instrument, während Rolf Möller in schwarzen Handschuhen und Soloschlagzeuger Heiko Schäfer um die Wette ihre Becken bedienen.
Nüchtern betrachtet spielt das Motto des Abends, »Rock trifft Klassik«, mit scheinbar unvereinbaren Gegensätzen zwischen den Damen und Herren an Geige und Harfe und den Deutschrockern mit ihren E-Gitarren und Verstärkern. Tatsächlich sind die ältesten Philharmoniker aber etwa im gleichen Jahr geboren wie die »Breiten«, das heißt: kaum ein klassischer Musiker fremdelt heute noch bei Punk und Pop.
Umgekehrt lassen die Breiten, die Ende der 70er Jahre von Hagen aus damit begannen, gegen das Establishment anzurocken, sich gerne faszinieren von den ihnen ungewohnten Klang-Sphären, etwa von Mascagnis Intermezzo aus Cavalleria rusticana oder dem »Tanz der Komödianten« aus der »Verkauften Braut«.
GMD Antony Hermus sorgt für Feuer und Temperament in der Klassik-Abteilung, klopft tanzend während der Extrabreit-Solo-Einlagen mit dem Taktstock auf das Geländer des Dirigenten-Pult, während die Kontrabassisten mit ihren Bögen den Beat in die Luft schlagen und die meisten Musiker ebenso wie das Publikum rhythmisch mit dem Körper zucken. Extrabreit spielte auch zwei Stücke aus der neuen, im April erscheinenden CD, darunter »Andreas Baaders Sonnenbrille«.
»C-Dur ist C-Dur, für Kenner ebenso wie für Nichtkenner«, betont Antony Hermus lachend, während Kai Havaii unterstreicht, dass dieser Spagat zwischen Rock und Klassik »für uns eine spannende Sache ist«. Der Funke springt über, und zwar mit extra-schneller Breitenwirkung. Denn Musik ist Musik und Musiker sind Musiker, egal ob sie im bonbonrosa-glänzenden Anzug auf der Bühne stehen wie Kai Havaii oder im schwarzen Frack wie Antony Hermus. Diese Tatsache stellen die Breiten und die Philharmoniker zwischen Rock und Klassik begeistert fest – und das Publikum, Klassik-Abonnenten ebenso wie Punkrock-Fans, folgt der Lust am grenzüberschreitenden Spiel mit leuchtenden Augen und jubelnden Klatschmärschen im Stehen.
Westfalenpost, 31. 01. 2008
»Rock meets Classic II« im Parktheater
Mehr Rock-Show als Klassik-Konzert
Die Befürchtung von Gitarrist Stefan Kleinkrieg, das Ganze könne ein wenig zu sehr nach »kuscheligem Kamin« klingen, hat sich nicht bewahrheitet.
Was die Band »Extrabreit« und das Philharmonische Orchester Hagen am Mittwochabend bei der Premiere der zweiten Auflage von »Rock meets Classic« bot, war weit mehr Rock-Show als Klassikkonzert und weit davon entfernt, weichgespült oder allzu seicht rüberzukommen – und das obwohl die »Extrabreiten« zur Feier des Tages extra nochmal ihre Konfirmationsanzüge herausgeholt hatten, wie Sänger Kai Havaii eingangs meinte. In der Tat war das Konzert ein überaus aufregendes und für die Beteiligten erstmaliges Unterfangen, das nicht nur für die Musiker, sondern vor allem auch für das Parktheater-Team mit einem immensen Aufwand verbunden war. Was dabei herauskam, war ein Abend voller Spontaneität (Kleinkrieg löste GMD Antony Hermus zwischenzeitlich kurzerhand am Dirigentenpult ab), witzigen Gags (etwa als sich »Extrabreit« bei »Annemarie« als Chorknaben präsentierten) und ganz starken musikalischen Momenten mit Gänsehaut-Garantie.
Auch wenn es hier und da noch etwas holperte und das Orchester bei seinen wunderbaren Solo-Beiträgen ohne Lautsprecher-Verstärkung gewiss besser geklungen hätte, war die Premiere rundum gelungen und sorgte für ein tobendes Publikum. Heute wird das Konzert vor einem erneut ausverkauften Haus wiederholt.
Iserlohn, 30. 01. 2008