Symphony Concert Philharmonic Orchestra Hagen

»Szymanowsky | Beethoven | Bartok«

 

Jetzt ist von Erpressung die Rede

Im 100-Jahr-Jubiläum sind die Hagener Philharmoniker erfolgreicher denn je. Zum Geburtstag erhält das älteste kommunale Orchester Westfalens jetzt allerdings eine schallende Ohrfeige.

Die Kommunalaufsicht in Arnsberg macht die Neubesetzung der Generalmusikdirektoren-Position offenbar von Einsparungen im sechsstelligen Bereich abhängig.

Beim Sinfoniekonzert in der Hagener Stadthalle zeigte sich der scheidende GMD Dr. Antony Hermus jetzt bitter enttäuscht über diese Quittung für seine engagierte und viel gelobte Arbeit: »Ein solcher Fall von kulturpolitischer Erpressung wäre einmalig.«

Werke von Karol Szymanowski, Ludwig van Beethoven und Bela Bartok stehen auf dem Programm des Konzertes. Antony Hermus legt die Orchesterfassung der Roxana-Arie aus Szymanowskis Oper »König Roger« als konzentrierten spätromantischen Klagegesang an, voller wunderbarer Streicher-Elegien und einem von Bijan Fattahy mit äußerster Delikatesse ausgesungenen Bratschensolo.

Hagen ist im Nothaushalt, die Kommunalaufsicht hat überraschend ihr Veto für die Besetzung der ab Sommer vakanten GMD-Stelle angemeldet. Nun soll das Orchester durch Etatkürzungen (sprich Stellenstreichungen) für die unerlässliche Führungsposition regelrecht bezahlen.

Als Antony Hermus GMD in Hagen wurde, musste er einen Scherbenhaufen aufkehren. Trotz aller Warnungen hatte die Stadt zuvor ihr klingendes Aushängeschild in einen Orchesterverbund gezwungen. Dessen politisches Scheitern kostete die Philharmonie acht Planstellen und eine jährliche Etatkürzung von 35 000 Euro. Das ist gerade fünf Jahre her. Der damals 29-jährige promovierte Wirtschaftsinformatiker meisterte die Aufgabe, das Publikum zu halten, obwohl sich das Angebot objektiv verschlechtert hatte: für große Sinfonik sowie für illustre Solisten ist kein Geld mehr vorhanden. Also nahm Hermus seine Zuhörer mit auf die Suche nach den Talenten von morgen.

Zum Beispiel das Storioni Trio Amsterdam. Seit ihrem ersten Aufritt in Hagen gastieren die drei jungen Holländer auf den großen Konzertpodien der Welt. Und mit Beethovens Tripelkonzert liefern Wouter Vossen (Violine), Marc Vossen (Cello) und Bart van de Roer (Klavier) eine Lehrstunde in vollendetem Zusammenspiel, kultiviertester Klanggestaltung und überschäumender Musizierlust. Antony Hermus legt das Tripelkonzert als Sturm-und-Drang-Werk an, mit trotzig aufrauschenden Fanfaren und durchweg tänzerischem Puls.

In Bela Bartoks »Konzert für Orchester« bewältigt die ganze Philharmonie hervorragend alle solistischen Aufgaben. Hermus interpretiert dieses im amerikanischen Exil entstandene Spätwerk des ungarischen Komponisten als erschütternde Bekenntnismusik rund um den zentralen langsamen Satz. Die Musiker glänzen durch ihr aus tiefster Seele empfundenes Spiel.

Die Hagener Philharmoniker haben nie an ihrem Publikum vorbeigespielt. Unter der Leitung von Antony Hermus leisten sie ihren Operndienst, machen mit Konzerten auf sich aufmerksam, schlagen Brücken zu Rock und Pop, gehen in die Schulen, rufen vielbeachtete Jugend-Projekte ins Leben, binden die Chöre der Region ein: und das alles mit einem konkurrenzlos kleinen Personalbestand und einem erbärmlichen Etat. Antony Hermus ist sprachlos angesichts der neuen Sparpläne. »Eine weitere Verringerung der Zuschüsse würde jetzt heißen, einen Flächenbrand zu entfachen, in den das Theater und sein Orchester ohne Sinn, ohne Gnade und ohne Rückfahrschein geschickt werden.«

Westfalenpost, 27. 02. 2008

 

 

Wiener Klassik stößt auf Moderne

»Konzerte für Orchester« aus ganz unterschiedlichen Epochen war die Devise im siebenten Sinfoniekonzert. Dabei stießen Klangwelten und Tonsprachen der Blütezeit der Wiener Klassik auf die (heutzutage nicht mehr zeitgenössische) Moderne des 20. Jhd.

Zu Beginn richtete GMD Antony Hermus angesichts der destruktiven Sparpläne des Regierungspräsidenten in Arnsberg einen leidenschaftlichen Appell an die Hagener Musikfreunde, für den uneingeschränkten Erhalt »ihres« Orchesters zu kämpfen. Eine Hommage an Liebe, Erotik und Schönheit stellt das »Lied der Roxane« aus der Oper »König Roger« des Polen Karol Szymanowski dar. Hier schuf der polnische Komponist zwischen Spätromantik und Impressionismus mit schlichten, jedoch eindringlichen Ausdrucksmitteln und harmonischen Farben eine pastorale Gesangslinie von zeitloser Schönheit, die vom Philharmonischen Orchester Hagen unter der Leitung von Antony Hermus mit unspektakulärem, schlichtem Ausdruck gestaltet wurde. Eine Art Weiterentwicklung oder auch Adaption der barocken Form des concerto grosso bzw. der frühklassischen »sinfonia concertante« in der Tradition Mozarts und Haydns gelang Ludwig van Beethoven 1806 mit dem »Tripelkonzert« für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester in C-Dur op. 56, bei dem gleich drei Solisten den Gegenpol zum Orchester bilden. Hier waren die drei Solisten des »Storioni«-Klaviertrios mit Wouter Vossen, Violine, Marc Vossen, Violoncello sowie Bart van de Roer, Klavier dem Hagener Orchester ebenbürtige und dankbare Partner, die im Kopfsatz mit nahtlos ineinandergreifendem Zusammenspiel das Themenmaterial der kraftvoll vorgetragenen Orchesterexposition aufgriffen und virtuosem Passagenwerk ausschmückten. Im ausdrucksvollen Largo entwickelte sich ein klangschöner, von nobler Tongestaltung getragener Dialog zwischen dem solistischen Cello und den Ersten Violinen des Orchesters während sich das Klavier als unaufdringlicher Begleiter dynamisch dezent zurückhielt. Das brillante Finale »Rondo alla Polacca« gab den drei Solisten reichlich Gelegenheit, sich die konzertant- virtuosen Bälle in Form von tänzerischen Melodien und schwungvollen Läufen zuzuspielen, deren Vorlage der diszipliniert und akkurat vorgetragene, von Antony Hermus mit gewohnter Souveränität koordinierte Orchesterpart bildete. Das Thema aus Schuberts »Forellenquintett« machte Appetit auf das am nächsten Abend folgende Kammerkonzert im kleinen Saal der Stadthalle. Nach der Pause entfachte das POH in Bela Bartoks »Konzert für Orchester« ein schillerndes Kaleidoskop raffinierter Instrumentation, orchestraler Klangfarben, kontrapunktischer Raffinesse, glänzender solistischer Einzelleistungen und klanglicher Kontraste. Die kraftvoll zupackende Thematik des Kopfsatzes, die sich aus einem eher geheimnisvoll düsteren Anfang entwickelte, wurde ebenso lustvoll und klangsinnlich ausgespielt wie die pointierten, an eine verfremdete Ballettszene erinnernden feinsinnigen Holzbläserduos im zweiten oder die grotesk verzerrte Fratze der »Lustige Witwe«-Parodie im vierten Satz. Die stürmischen Ovationen am Schluss galten jedem einzelnen Orchestermusiker persönlich – ohne einen Gedanken an erbsenzählerische Stellenkürzungen!

Westfälische Rundschau, 27. 02. 2008

 

 

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