Puccinis »Tosca« in Hagen

 

Eine Kunst-Geschichte

Hier dreht sich alles um Kunst. Nicht nur, weil Toscas zentrale Arie beschwört: »Vissi d’arte« (»Für die Kunst habe ich gelebt«), sondern weil neben der Musik die bildende Kunst die Hauptfiguren aneinander bindet: Im ersten Akt bedeckt das Gemälde, an dem Maler Cavaradossi arbeitet, den gesamten schräg gestellten Bühnenboden (offenbar malt er eine Pietá, was aus dem Parkett aber nur zu erahnen ist), und noch leere goldene Bilderrahmen hängen von der Decke; im zweiten Akt erweist sich Oberbösewicht Scarpia als Sammler erlesener alter Meister – die hängen in allererster Güte von der Decke und bilden die Wände seines Wirkungsbereichs. (Die Assoziation des bösen, dennoch kunstsinnigen Nazis hängt natürlich gleich mit in der Luft, und auch Scarpias finstere Geheimpolizei lässt an SS-Schergen denken, ohne dass dies weiter aufgegriffen würde.) Der Bruch erfolgt zwischen dem zweiten und dritten Akt, der auf leerer Bühne spielt (nur der Hirt erscheint hier als singendes Jugendbildnis Toscas, eine Reminiszenz an vergangene Zeiten, die schnell wieder ausgeblendet wird). Da bricht eine prunkvolle Welt zusammen, die nur Leere hinterlässt.

Als Grundgedanke für eine Tosca-Inszenierung ist das nicht falsch, im Detail allerdings auch nicht ganz plausibel. Cavaradossi ist in Text und Musik weniger als Künstler denn als Liebhaber schöner Frauen charakterisiert, wobei sein plötzlich erwachendes politisches Bewusstsein etwas unvermittelt erscheint – das ist ein Grundproblem dieser Oper, das nicht dem Regisseur anzulasten ist. Dennoch führt die Fokussierung auf die bildende Kunst in der Inszenierung von Thilo Borowczak zu einem mehr dekorativen als werkimmanent schlüssigen Ansatz. Immerhin sind die Bühnenbilder von Harald Stieger und die Kostüme von Imme Kachel schön anzusehen und erlauben eine in weiten Teilen konventionelle, aber gut gespielte und dadurch glaubwürdige Regie, die eine spannende Geschichte nacherzählt (aber auch nicht mehr). An manchen Stellen wäre mehr Präzision in der Personenführung sinnvoll, etwa um das Verhältnis von Scarpia und Tosca zu klären, zwischen denen sich eine Art Hassliebe andeutet, die stärker ausinszeniert sein könnte. Auch verschenkt der Regisseur manche Auftritte wie den allerersten der Tosca, der eigentlich ein Ereignis sein müsste, aber mehr zufällig nach dem Schema „tritt von der Seite auf“ erfolgt.

Natürlich lebt Tosca in erster Linie von den Sängern, und da ist das Theater Hagen erfreulich gut aufgestellt. Mit Dagmar Hesse hat man eine famose »hauseigene« Diva für die Titelpartie, attraktiv und präsent in der Erscheinung und mit einer nicht übermäßig großen, aber intensiven und auch in den Spitzentönen kontrollierten Stimme. Sie zeigt die lyrischen und sinnlichen, weniger die hysterischen Seiten der Tosca (müsste aber mitunter mehr aufpassen, den – italienischen – Text nicht zu sehr zu verschlucken). Sicher kann man sich mehr Klang in der tiefen, noch mehr dramatische Attacke in der hohen Lage vorstellen, aber die Partie sauber und stilsicher phrasiert zu singen ist nicht eben wenig. Für ihren Widersachen Scarpia wurde mit Karsten Mewes ein erfahrener Heldenbariton (u. a. im Bayreuther Parsifal als Klingsor zu hören) engagiert. Mewes singt die Partie elegant und mehr lyrisch als dramatisch, die gefährlichen, »schwarzen« Töne fehlen fast völlig. Sein Scarpia ist auch musikalisch ein Kunstliebhaber und Ästhet, dem man die perfekten Manieren eher abnimmt als die etwas aufgesetzte Brutalität gegenüber seinem Polizeiapparat. Stimmlich harmoniert er dadurch gut mit der Tosca Dagmar Hesses. Da agiert kein überlebensgroßer Bösewicht, was der Figur aber größere Vielschichtigkeit verleiht.

Während das Theater für Tosca und Scarpia jeweils einen einzigen Darsteller für die komplette Aufführungsserie eingeplant hat, ist der Cavaradossi gleich vierfach (!) besetzt – da wundert es nicht, dass die Duette (wie das kurze unbegleitete »Trionfa« im dritten Akt) in den Details noch genauere Abstimmung in Intonation und Artikulation vertragen könnten. In der hier besprochenen Aufführung sang der Mexikaner Pédro Velázquez Díaz, der fest am Staatstheater Hannover engagiert ist und die Partie bereits in Linz gesungen hat. Er besitzt einen jugendlichen, in der Höhe strahlenden und leicht metallischen Tenor, muss aber noch in die Partie hineinwachsen. Nicht alles, was er gestalterisch will, gelingt auch. Die messa di voce, das An- und Abschwellen eines Tones vom Pianissimo zum Fortissimo und umgekehrt, ist noch häufig mit einem Verlust an Klang und einer brüchigen Färbung verbunden, und insgesamt müsste die Linienführung runder und unangestrengter klingen. Frank Dolphin Wong singt einen jugendlich überschwänglichen Angelotti, Jan Friedrich Eggers einen pointierten Messner.

Das kleine Hagener Theater mit seiner direkten, knalligen Akustik macht es den Sängern nicht immer leicht, sich gegen das durch die räumlichen Gegebenheiten dominante Orchester durchzusetzen. Unter Leitung des amtierenden GMD Antony Hermus (der das Haus, an dem er sich vom Voluntär zum Chefdirigenten hochgearbeitet hat, am Ende der Spielzeit verlassen wird) hat das Hagener Orchester sich gut auf diese nicht unproblematischen Verhältnisse eingestellt und einen weichen Tonfall entwickelt, der die Instrumentengruppen zu einem tragfähigen, aber nicht »dröhnenden« Klangbild verschmelzen lässt. Hermus und die sehr konzentrierten Philharmoniker können einerseits schneidend scharfe Akzente spielen (exemplarisch die ersten drei Takte der Oper mit ihren überfallartig aufgetürmten Akkorden), aber auch die Sänger einbetten in einen getragenen Puccini-Klang. Die großen, elegischen Bögen liegen Hermus mehr als der kurzgliedrige Parlando-Tonfall zu Beginn des ersten Aktes. Vor allem im zweiten Akt in der großen Szene zwischen Tosca und Scarpia gibt es große Oper zu hören, die nicht allzu viele Vergleiche scheuen muss. Am Ende gab es stehenden Ovationen.

Online Musik Magazin, 01. 12. 2007

 

 

Und es blitzen die Stimmen

Neue Besen kehren gut. Hagens Intendant Norbert Hilchenbach brachte, wie das bei einem Wechsel üblich ist, einen Tross wohlbekannter Mitarbeiter aus alten Zeiten am Osnabrücker Stadttheater mit. So auch Regisseur Thilo Borowczak. Der wiederum hat sicher nicht nur viele gute Ideen für Hagen im Gepäck, sondern auch seine Inszenierung von Puccinis »Tosca« aus dem Jahre 2004. Die ist gewiss in Ordnung, befasst sie sich doch mit dem Verhältnis von Kunst und Politik. Spannend und authentisch – aber nicht neu. Deshalb sei auf die opernnetz-Rezension aus Osnabrück verwiesen. Was die Hagener »Tosca« wirklich zur Sensation macht, sind die Sänger. Da ist Ricardo Tamura, der schon 2004 in Osnabrück bewährte Cavaradossi. Jetzt ist er als Gast in Hagen zu erleben. Er beherrscht die Partie mittlerweile traumwandlerisch sicher. Wie weggefegt ist seine Neigung zum Dauerforte, betörend flüstert er ein Gänsehaut erzeugendes Piano, kann aber selbstverständlich auch mächtig Power entwickeln. Karsten Mewes als Scarpia hält da nicht mit: zu einförmig ist seine Stimme, ohne Zwischentöne und Nuancen. Das Finstere, Fiese, Brutale, das diesen Scarpia ausmacht, bleibt eher zu erahnen. Alles überstrahlend aber Dagmar Hesse in der Titelpartie. Viele Jahre hat sie in Hagen immer größere Partien gesungen, ihre Stimme sich entwickeln lassen. Jetzt ihr Triumph bei der Hagener »Tosca«-Premiere! Wer Hesse schon häufiger gehört hat weiß: so gut, so brillant war sie nie. So profitiert der neue Intendant Norbert Hilchenbach von der intensiven Ensemblepflege seines Vorgängers Rainer Friedemann. Hesse erschafft eine Tosca aus sich heraus, sie ist eine ideale Sängerdarstellerin. Im ersten Akt verschmilzt sie mit Tamura balsamisch in der großen Liebesszene – aufregend ihre Eifersuchtsattacken. Hesse verfügt über eine erotisch funkelnde Tiefe und expressive Höhe. Die Registerwechsel glücken ihr perfekt. Wie sie im zweiten Akt den Fiesling Scarpia mit pseudo-süßen Tönen umgarnt, dann erschüttert zusammenbricht, um mit wildkatzenhafter Geschmeidigkeit zu morden ist markerschütternd und ergreifend. Das gilt auch für ihren überragend dargestellten naiven Glauben an eine Rettung im letzten Akt. Antony Hermus und die Hagener Philharmoniker liefern das klangsichere Fundament für diese One-Woman-Show, die vom Premierenpublikum mit überwältigendem Applaus bejubelt wurde. Hermus lässt das Orchester honigsüßen Saft, dann aber auch markige Kraft verströmen. Hagens Oper hat eine hauseigene Primadonna – und weiß das hoffentlich zu schätzen. Welches mittelgroße Haus kann das schon von sich sagen?.

opernnetz, 01. 12. 2007

 

 

Psychothriller im Museum

Hagen. Puccinis »Tosca« ist der erste Krimi auf der Opernbühne. GMD Dr. Antony Hermus lässt am Theater Hagen die Geschichte von Mord, Selbstmord und Hinrichtung als atemberaubenden Psychothriller hörbar werden.

Regisseur Thilo Borowczak und Ausstatter Harald Stieger verwandeln die Bühne in eine Galerie. Ein Monumentalgemälde auf der Bodenschräge prägt den ersten Akt. Anschließend rücken die Wände in Scarpias Büro ganz eng zusammen und sind über und über mit nazarenischen »Schinken« behängt. Die Handlung dreht sich ja um einen Maler und eine Operndiva. Diese Raumlösung tut niemandem weh, bleibt in der Interpretation aber harmlos und wirkt unvermeidlich museal. Ein wenig angestaubt ist auch die ganze Inszenierung, weil sie 2004 in Osnabrück bereits zu sehen war, der damaligen Wirkungsstätte von Intendant Norbert Hilchenbach und Regisseur Borowczak. Erst im dritten Akt setzt die Regie Akzente, die aufsehen lassen. Nun ist der Raum nackt und kahl. Tosca hat sich in den Wahnsinn geflüchtet. Ganz klein kriecht sie an der vorderen Rampe entlang, die riesige Bühne wie ein böses schwarzes Loch im Hintergrund. Viele Premierenbesucher mochten diese Sichtweise nicht, doch wirkt sie überzeugender als die unverbindlichen Kulissen zuvor. Gleich zwei Pausen braucht die Hagener Produktion, um ihre Umbauten zu realisieren. Das Bühnenbild rechtfertigt einen derartigen Zeitaufwand nicht – und die dichteste, reduzierteste aller Opern Puccinis wird damit unnötig in Einzelteile zerrissen.

Es ist spannend, dass dem Publikum »Tosca« seit der Uraufführung gefällt, bei Dirigenten und Regisseuren aber viel Widerstand ausgelöst hat. »Affenschande« (Felix Mottl) oder »schäbiger Schocker« (Joseph Kerman), so lauteten die Verdikte. Tatsächlich läutet »Tosca«, am 14. Januar 1900 in Rom uraufgeführt, durchaus ein neues, modernes Jahrhundert im Musiktheater ein, eine neue Ästhetik, die der Vorwurf »geopfert dem Moloch der Kinodramatik« (Oskar Bies) genau, und heute nicht mehr abwertend verstanden, auf den Punkt bringt. Was auf der Szene fehlt, kommt aus dem Graben. GMD Antony Hermus jedenfalls gelingt es mit den glänzenden Philharmonikern, Puccinis ganze Schroffheit und Unerbittlichkeit ebenso herauszuarbeiten wie das sehnsuchtsvolle Aufschwingen der Streicher und das lyrische Geläut der Holzbläser und Hörner mit ihren zauberhaft ausmusizierten Solostellen. Das ist ein kraftvoller, oft auch ruppiger Puccini, überhaupt nicht kulinarisch, dafür extrem aufrüttelnd. Eigentlich sollte das Hagener Opern-Traumpaar Dominik Wortig und Dagmar Hesse Cavaradossi und Tosca singen. Da der Hagener Tenor erkrankt ist, wurde Ricardo Tamura verpflichtet, ein junger brasilianischer Sänger mit sehr italienisch-hellem Timbre und tragfähiger Stimme, der ein berührend-inniges »E lucevan le stelle« gestaltet. Dagmar Hesse, als einzige hauseigene Kraft in einer großen Partie besetzt, macht die Tosca nicht nur darstellerisch zu der Fallstudie einer Frau, die über den Rand getrieben wird. Sie zeigt auch beispielhaft, was Singen heißt. Ihre Floria Tosca kommt im ersten Akt hochtonsicher und wohllautend daher. Im zweiten Akt erweitert Dagmar Hesse ihr stimmliches Repertoire um alle Register zwischen Sprechen und Gesang. Eine großartige Rolleninterpretation, mit der die Hagener Sopranistin in jeder Minute wahrhaftig bleibt. Der Scarpia ist ebenfalls ein Gast: der geschätzte Sänger Karsten Mewes. Er legt den sadistischen Polizeichef darstellerisch überzeugend finster an, stimmlich fehlt Karsten Mewes’ gut geführtem Bariton jedoch der richtig gefährliche Biss für diesen meistgehassten Opernfiesling.

Westfalenpost, 03. 12. 2007

 

 

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