Liebe und Poesie
Es tutet, flötet, scheppert, klatscht, wispert aus dem Graben; es gibt Assoziationschancen für kundige Zuhörer: Berstein, Nyman, Henze, Rap – Moritz Eggert komponiert ein rafiniert-naives Klangbild zu Liebes-Märchen aus 1001 Nacht. Helmut Kraussers phantasievoll-poetisches Libretto startet mit einer Nachtszene Knut Hamsuns, verweist damit auf die Diskrepanz der nordisch-düsteren Mythen des (auch) Blut- und Boden-Autors zu den märchenhaft-erotischen Quellen des Orients.
Antony Hermus gelingt mit den exzellenten Musikern des Philharmonischen Orchesters Hagen eine kongeniale Umsetzung der Eggert-Intentionen mit präzis-ausdrucksstarker Percussion und einfühlsamen Winds, ganz ohne Streicher, mit impulsiv wechselnden Rhythmen.
Roy Spahns dunkel-geheimnisvolle Bühne ist bestückt mit überdimensionalen Brüsten, Beinen, Lippen im Stil der Pop-Art – amourös und erotisch, zugleich bedrohliche Symbole der Sexualität.
Roman Hovenbitzers Regie baut auf die narrativen Konstellationen des Liebespaars Dagny und Nagel, das orientalische Liebesstorys erdenkt, beobachtet, in sie eintaucht und sich von ihnen distanziert. Es ist das aktive Warten auf die endgültige Geschichte, die lastend-lustbetont über dem Geschehen liegt und Gelegenheiten zu skurril-liebevollen Aktionen bietet.
Johanna Krumin und Frank Dolphin Wong intonieren als Dagny und Nagel den rhythmischen Sprechgesang mit viel Substanz; Tanja Schum singt einen melodiösen Engel, Richard von Gemert gibt einen verhalten-artikulierenden Vater und Sultan; Liane Keegan gibt der Aziza arioses Leuchten, Marilyn Bennett ist in der Hosenrolle als Azis prima bei Stimme und Stefania Dovhan spielt nicht nur eine erotisierende Sängerin, sondern lässt ihre Stimme verlockend perlen. Das Hagener Ensemble engagiert sich erfolgreich für ein innovatives Projekt.
»Helle Nächte«, auf Münchens Biennale 1997 uraufgeführt, kommt in Hagen total überarbeitet auf die Bühne. Das Publikum goutiert das zu Gebende und zu Hörende mit bemerkenswerter Zustimmung – doch sind resigniert gehende und verstört reagierende Alt-Abonnenten ein enttäuschendes Signal der partout Ablehnenden, die sich selbst um ein schönes Theatererlebnis bringen.
opernnetz, 30. 08. 2006
Was wir schon immer über Sex wissen wollten
In einer hellen Nacht des skandinavischen Sommers gehen ein Mann und eine Frau spazieren. Er liebt sie; sie ist mit einem anderen verlobt. Sie beginnen, sich gegenseitig Märchen zu erzählen – Märchen, die natürlich von der Liebe sprechen. Die Rahmenhandlung ist einer Episode aus Knut Hamsuns Roman Mysterien entlehnt, die Märchen entstammen der Sammlung »Tausendundeine Nacht«. Für das Libretto zu Helle Nächte, uraufgeführt 1997 bei der Biennale München, hat Librettist Helmut Krausser allerdings nur Motive der Vorlagen verwendet, sodass man nicht von einer Literaturoper sprechen kann. Krausser und Komponist Moritz Eggert geht es darum, Rahmenhandlung und Märchenerzählungen inneinander fließen zu lassen, im Stück allmählich die Perspektive zu wechseln: Das Paar der Rahmenhandlung wird mehr und mehr in die Märchen hineingesogen, greift steuernd in die Märchenhandlungen ein, wogegen die Märchenfiguren heraustreten.
Die kunstvolle Konstruktion erweist sich als tragfähig und bannt die Gefahr, Hoffmanns Erzählungen – das überragende Modell einer Oper, die szenisch Geschichten erzählt – zu imitieren. Die Verschränkung der Ebenen bewahrt die Handlung auch vor einer allzu großen Naivität, an der viele Märchenopern letztendlich scheitern. Es bleibt ein spannungsgeladener Schwebezustand. Moritz Eggert hat dazu eine ausgesprochen farbige Musik geschrieben, die orientalische Anklänge weitgehend vermeidet. Maßvoll modern spricht Eggert damit ein breites Publikum an, ohne sich deshalb musikalisch anzubiedern. Sein Stil steht in der Tradition Hans Werner Henzes, aber er scheut auch Anleihen bei der Unterhaltungsmusik nicht (da schimmert ein Hauch von Kurt Weill durch). Die Musik hat mitunter boshaft ironische Züge (etwa wenn das Orchester, während auf der Bühne das Abhacken einer Hand droht, komplexe Rhythmen mit den Händen zu klatschen – vgl. Klangbeispiel 2). Für die Hagener Aufführung hat Eggert das Werk so grundlegend überarbeitet, dass die Premiere als »Uraufführung« angekündigt wurde.
Zwar setzt das Theater Hagen mit diesem Werk die Reihe mit ambitionierten Märchenopern fort, aber anders als Die unendliche Geschichte (Siegfried Matthus, 2004) oder Wo die wilden Kerle wohnen (Oliver Knussen, 2005) ist Helle Nächte wegen der komplexen Handlung keine Oper für Kinder. Die pointierte Inszenierung von Roman Hovenbitzer hebt klar hervor, worum es hier geht: Um Sex. Man fühlt sich ein um das andere Mal an Filme Woody Allens erinnert, die Hovenbitzer wie auch Ausstatter Roy Spahn inspiriert haben dürften. Die Märchen werden mit wenigen, ironisch doppeldeutigen Bildern im Comic-Stil erzählt (die Sänger werden oft von Tänzern gedoubelt), und das gelingt dem Regieteam mit viel Witz. In scharfem Kontrast dazu steht der Prolog, der hier kein romantischer Nachtspaziergang ist, sondern eine handfeste Auseinandersetzung vor dem geschlossenen Vorhang – Ingmar Bergmann lässt grüßen. Peter Schöne und Johanna Krumin erweisen sich als ausgezeichnete Schauspieler, und beiden gelingt der fließende Übergang vom Schauspiel zum Gesang blendend.
Auch sängerisch ist Schöne mit jugendlich-heldischem Bariton der Star des Abends, wenn er im »Märchen vom Goldschmied und der Sängerin« in die Rolle des Goldschmieds schlüpft und im Superman-Look auf aberwitzige Weise seine Angebetete gewinnen möchte. Johanna Krumins schöner lyrischer Sopran setzt die sanften Akzente. Damit sind die Hauptpartien ausgezeichnet besetzt. Beeindruckend ist der leuchtendem Sopran von Stefania Dovhan als »Sängerin«; einzige Fehlbesetzung in einem überzeugenden Ensemble ist Liane Keegan als Aziza, die ihren Mezzosopran allzu sehr forciert.
Komponist Moritz Eggert hat die hier gespielte Neufassung von Helle Nächte auf die Möglichkeiten des Hagener Theaters zugeschnitten. Unter der Leitung seines umsichtigen Chefdirigenten Anthony Hermus schwelgt das gut disponierte Hagener Orchester nuanciert in Egerts reichhaltiger Farbpalette, ist jedoch mit dem Sängerensemble jederzeit fein austariert. In einigen Passagen des Werks werden Stimmen und Instrumente elektronisch verstärkt: es dürfte dem Komponisten dabei nicht (nur) um bessere Hörbarkeit gehen (was bei gesprochenen Passagen diskutabel ist), sondern durch die Verwendung von Elektronik ist die Position des Sängers oder des Instruments im Raum nicht mehr zu orten – das entspricht der immer komplexeren Verschränkung der inhaltlichen Ebenen. So recht überzeugt dieses Konzept indes nicht. Sobald Musik aus den Lautsprechern kommt, verliert sie ihre Unmittelbarkeit, bekommt etwas oberflächlich Glattes und Unpersönliches wie in schlechten Musicals oder Shows. Elektronisch erzeugte Effekte müssten bewusster als Klangfarbe erlebbar sein – in dieser Produktion klingt es mehr nach technisch nicht ganz gelungener Unterstützung für die Musiker. Unter diesem Aspekt warten die Hellen Nächte auf eine erneute Überarbeitung.
Online Musik Magazin
Das eigentliche Ereignis in Hagen …
… war freilich wieder einmal das Philharmonische Orchester der Stadt, das hörbar Freude an der dankbaren Partitur hatte, sich bei emotionalen Extrempunkten selbst übertraf und an mehr heiteren Passagen ... auch mal gelöst und immer noch souverän wirkte. Ein Verdienst sicher auch wieder des jungen Generalmusikdirektors Antony Hermus, der solche Stücke eben auf den austarierten musikalischen Punkt zu bringen vermag und der zusammen mit dem Orchester zu Recht einen großen Anteil am Premierenjubel einheimste.
Ingo Hoddick, Das Orchester, November 2006