3. Scratch-Projekt in der Stadthalle
»Da gibt man alles, was man hat«
»Seien Sie ein bisschen sauer!« Antony Hermus wackelt mit den Hüften, kraust die Stirn und pinselt lautmalerisch das leidenschaftliche Bild einer Italienerin mit wogendem Busen und in die Hüften gestemmten Händen.
Schon kitzeln an die 300 Frauen südländisches Temperament aus ihren Kehlen …
»Geht doch«, ein spitzbübisches Lachen, das ansteckt. »Betonen Sie alle Kon-so-nan-ten – das klingt gleich 50 % mehr Italienisch!« Vielstimmig gibt ihm der Chor Recht. 20 Minuten Pause für die Damen, drei Minuten für den Generalmusikdirektor. »Wir müssen schnell und gut arbeiten.« Bei aller Liebe: Das Scratch-Projekt ist kein Sonntagsspaziergang. Innerhalb eines Tages formt Hermus 370 Männer und Frauen, 120 Kinder für einen bühnenreifen Auftritt. Um 9.30 Uhr haben sie angefangen, ab 14 Uhr stoßen die Orchestermusiker, dann Kinder und Solisten dazu. 18 Uhr: das Konzert – ohne Netz und doppelten Boden.
Ohne Vorarbeit geht das nicht: Wer sich angemeldet hat, konnte reinhören in das, was am Ende dieses Tages zu hören sein soll, konnte sich an den Noten orientieren. Konnte in der Badewanne oder wo auch immer trällern, tirilieren. Connie Rieger vom Hagener Frauenchor beispielsweise hat fleißig geübt. Ihre Schwester, Martina Eltze, auch. Jeder für sich. Martina schließlich kommt aus Oldenburg, ist extra fürs Wochenende angereist. Zum zweiten Mal schon, weil ihre Schwester so geschwärmt hatte von diesem außergewöhnlichen Projekt. Jetzt sind beide Fans von Hermus. Nicht die einzigen: Der muss in seiner drei-Minuten-Pause pausenlos Autogramme geben …
Per Telefon haben die Schwestern sich bei der italienischen Aussprache auf die Sprünge geholfen. Schließlich singen sie aus »Carmen«, »Nabucco«, aus »La Traviata«. Chor der Zigeunerinnen, La Habanera – neben Verdi und Bizet steht auch Beethovens »Ode an die Freude« an. Keine helle Freude für jeden – »manche haben bei der Vorprobe am Freitag die Noten zugeklappt und sind nicht wieder gekommen«, sagt Rieger. Selbst Hermus warnt: »Beethoven ist ein Killer für die Stimme!« – und rät zum verbalen Schongang.
Das geht kaum: Die Sänger sind inspiriert, motiviert. Der Motor, Hermus, verlangt Aufmerksamkeit, Disziplin. Ein straffes Programm. Und spornt mit einem einzigen Bravo zu Höchstleistung an. Dem Mann, der da am Dirigentenpult gestikuliert, pointiert, akzentuiert ist längst das Hemd aus der Hose gerutscht. Er arbeitet. Lacht. Seine offene, fröhliche Art färbt ab. »Adrenalin«, sagt Susanne Grossekemper. »Den ganzen Tag!« Ihre Freundinnen vom Mozart Konzertchor nicken. »All diese Menschen. Das Volumen … da gibt man alles, was man kann«, sagt Ursula – (Nomen est Omen) – Lieder. Das hat, bestätigt Prof. Dr. Elfriede Leniger-Follert, »eine eigene Dynamik. Danach fühlt man sich so frisch!«. »Eine Gefühlswelt, die von innen nach außen kommt …«. Freude und Kraft, die man hört. Strahlt auch Sigrid Brecht vom Elseyer Frauenchor. Auch sie: Nicht zum ersten Mal dabei. »Übrigens: Singen verbessert auch die Hirndurchblutung«, lacht die Ärztin Leniger-Follert.
Dann müssen sich die Damen sputen. Hermus drängt weiter. Übersetzt »sanft« mit einem Augenaufschlag, energische Töne dagegen spuckt er mit geballter Faust in den Saal. »Sie müssen jetzt mal zusammen singen mit ihrem Nachbarn …« Wer die leise Kritik so nett verpackt erntet eines: doppelte Anstrengung. Das ist auch nötig: «… sonst schmeisst das Publikum mit Tomaten«. Sagt ein Könner mit dem Charme eines Lausbuben. Selbst wer nicht notenfest ist, darf sich nichts in den Bart nuscheln. Hermus sieht alles, hört alles im mehrere 100 Sänger starken Spontanchor. Alle sitzen aufrecht, mit geradem Rücken. Wenn auch zu Beginn noch der ein oder andere über ein Notensteinchen hüpft: Der Gesang ist wie ein Fluß, erst sanft, plätschernd, fließend, der anschwillt, braust, wogt, sich glättet. Keine trübe Tonbrühe, reines klares Melodienwasser. Meistens zumindest. Beethoven schlaucht …
Hermus fängt die Stimmen ein. Und die Sympathien. Er begeistert. Für die Idee. Und deshalb sind sich alle sicher: Sie machen auch beim 4. Scratch-Projekt mit. Dann allerdings wird Hermus’ Nachfolger sich an Teil 1 bis 3 messen lassen müssen …
Westfälische Rundschau, 27. 04. 2008