List und Tücke vor der Hochzeit
Hagen. Eine Schaukel hängt von der Decke. Abwechselnd nehmen die Figuren darauf Platz. Aber wer verschaukelt wen in Smetanas tschechischer Nationaloper »Die verkaufte Braut«? Hintergehen die Eltern ihre Kinder, betrügt der Heiratsvermittler seine Kunden, Hans seine geliebte Marie oder der Zirkusdirektor den armen Wenzel? Uwe Hergenröder löst in seiner Inszenierung im Theater Hagen den Knoten der Verwirrungen kurzweilig und mit großem Zuspruch vom Publikum. Ausstatter Ulrich Schulz setzte ein rotes Haus vor strahlend blauen Hintergrund mitten auf die Bühne. Es lässt sich öffnen und drehen, man kann ihm aufs Dach steigen. Hier vollziehen sich alle turbulenten Geschehnisse. Liebevoll wird auch das kleinbürgerliche Völkchen im bäuerlichen Ambiente dargestellt. Wenn ein Mann seine Braut für 300 Gulden verkauft, muss man ihm schon Geldgier, Untreue oder Verrat unterstellen. Wer durchschaut seine Tricks? Schon gar nicht die enttäuschte und wütende Marie. Aber das Ende ist bekanntlich »happy«. Hergenröder erzählt die Geschichte handfest, unterhaltsam, mit leichter Ironie, fast schon ein wenig überzogen im Wunsch nach Verdeutlichung eines gemütvollen Volkes, das plötzlich bösartig reagieren kann. Locker geordnet ist die Choreographie der Tänze. Auch hält die Regie den Chor in Bewegung und arbeitet zudem intime Szenen intensiv heraus. Besonders hübsch lässt Hergenröder den Zirkus auftreten - mit staunenswert echter Artistik und einer Esmeralda, die über das Dach einschwebt. Smetana hat in seiner eingängigen Musik keine wirkliche böhmische Folklore verwendet, doch er hat gleichsam hineingeschaut in die Seele der einfachen Leute und hat ihre Tänze hinreißend rasant umgesetzt. Antony Hermus musiziert mit dem Philharmonischen Orchester Hagen und dem erweiterten Opernchor flott und beherzt, mit schwärmerischer Melodik und Sinn für’s Kolorit. Auf der Bühne steht ein imponierendes Ensemble. Dagmar Hesse singt die Marie souverän, eine vielseitige Sopranistin mit Kraft und darstellerischer Vehemenz. Ideal besetzt ist auch der Hans mit Dominik Wortig. Er verbindet eine bestechende, von Schmelz beseelte Tenorstimme mit einer heutzutage seltenen Wortverständlichkeit. Den Heiratsvermittler Kecal zeichnet die Regie als smarten Geschäftsmann in grauem Anzug und Schlips, als eine Art Fremdkörper im sonst so beschaulichen Umkreis – ein Typ, den Rolf A. Scheider mit beweglichem Bass ausstattet. Erfreuliche stimmliche Prägnanz hört man auch bei beiden Elternpaaren (Frank Dolphin Wong, Kristine Larissa Funkhauser – Nikolai Miassojedov, Marilyn Bennett). Richard van Gemert gibt rührend den Wenzel, der am Ende als Verlierer im Bärenfell dasteht. Bei den Zuschauern freilich hat auch er mit Bravour gewonnen.
Westfälische Rundschau, 13. 04. 2008