In the spotlight: Antony Hermus

 

Die normale Reaktion läuft wie folgt ab: Jemand sieht Antony Hermus auf einem Foto, dessen Bildzeile verrät, dass es sich um den Generalmusikdirektor der Stadt Hagen handelt, und fragt verdutzt: »Was? Der junge Kerl ist Generalmusikdirektor?«

In der Tat stellt man sich für gewöhnlich einen schon etwas älteren Maestro vor, wenn man an den Chefdirigenten eines Berufsorchesters und musikalischen Leiter eines Opernhauses denkt. Und eben keinen ganz normal aussehenden jungen Mann, der vor allem Eines ausstrahlt – jugendliche Frische.

Wer Antony Hermus aber schon einmal live auf der Bühne oder in einer Probe oder gar im Gespräch unter vier Augen erlebt hat, der merkt sofort, dass dieser Mensch Energie für zwei oder drei seiner Artgenossen hat, und dass er es glänzend versteht, andere mit seiner überwältigenden Begeisterungsfähigkeit anzustecken. Von daher erscheint es schon wieder gar nicht so unglaublich, dass er bereits in sehr jungen Jahren den Olymp erstürmt hat, zum Chefdirgenten gewählt wurde und für seine musikalische Arbeit von der Fachwelt gefeiert wird.

Gleichzeitig behauptet er von er sich, ein wahrer Glückspilz zu sein. »Jedesmal, wenn ich mich in irgendeine Richtung verändern wollte, kam jemand auf mich zu, um mir die Türen dahin aufzustoßen. Ich habe immer die richtigen Leute zur richtigen Zeit getroffen.« Auch das habe sehr zu seiner steilen und letztlich doch sehr ungewöhnlichen Karriere beigetragen.

Geboren wurde Antony Hermus 1973 im niederländischen Oosterhout in eine Familie, die eine musikalische Karriere zunächst überhaupt nicht erahnen ließ. Die Mutter sei zwar seine beste Kritikerin und wisse immer genau, ob ein Konzert wirklich gut war oder nicht. Musikalisch sei sie aber nicht. Der Vater war ein begeisteter Chorleiter, der dem Sohn vor allem in Fragen der Menschenführung viel mit auf den Weg gegeben hat. Musik als Beruf konnte aber auch er sich nicht vorstellen, weshalb die Eltern bei ihrem Sohn auf ein »normales Studium« drängten.

Dem jungen Hermus, dem alles nur so zuzufliegen schien, der schon mit 16 als Jungstudent neben der Schule Klavier studierte und bereits kurz nach seinem 18. Geburtstag das Abitur machte, machte das wenig aus. Er nahm in der Universitätsstadt Tilburg kurzerhand zwei Studiengänge gleichzeitig auf: Wirtschaftsinformatik an der Uni und Klavier und Dirigieren an der angesehenen Fontys Musikhochschule.

Was ihn zu einer Art Doppelleben zwang, unter dessen Last die meisten wohl schon nach wenigen Monaten zusammengebrochen wären. Morgens um 7.30 Uhr saß er in der Musikhochschule am Klavier, um zu üben, dann ging's mit dem Rad zu den Vorlesungen an der Uni, und abends wurde an der Musikhochschule wieder musiziert. »An der Uni war ich immer der Künstler und an der Hochschule der mit dem Aktenkoffer«, erinnert er sich an sein damaliges Pendeln zwischen den beiden eigentlich recht gegensätzlichen Welten.

Der junge Mann trieb das so weit, dass er mit 25 Jahren schon als Doktor der Wirtschaftsinformatik und Projektleiter gutes Geld verdiente, während er an der Musikhochschule bereits sein eigenes Orchester gegründet hatte und damit auf Konzertreisen ging. Sein Professor Jac van Steen setzte ihm schließlich die Pistole auf die Brust, weil seiner Meinung nach ein erstklassiger Dirigent aus dem jungen Talent werden könnte. Nur müsse dazu jetzt etwas passieren. Am besten wäre ein Praktikum an einem deutschen Theater.

Antony Hermus packte seinen Rucksack, bereiste China und folgte nach seiner Rückkehr zur großen Verwunderung vieler aus seinem Umfeld dem Rat des Professors: Er ließ das Geld Geld sein und ging auf Empfehlung Jac van Steens als Praktikant zu dessen Freund Georg Fritzsch ans Hagener Theater.

Solche glücklichen Begebenheiten meint Antony Hermus wohl, wenn er von den Türen spricht, die ihm mir nichts dir nichts aufgestoßen wurden. Denn in Hagen ging dann alles rasend schnell. 1998 als Praktikant angekommen wurde er direkt zum Korrepetitor befördert. 1999 wurde er Studienleiter, was nach seinen eigenen Aussagen ein enormes Organisationstalent erforderte. In dieser Zeit bis 2002 habe er quasi alles über den Theaterbetrieb gelernt. In diese Zeit fällt auch schon sein Debüt als künstlerischer Leiter, als er im Jahr 2000 »My Fair Lady« einstudieren durfte. In einem viel zu großen Frack habe er sich damals irgendwie und schweißgebadet durch seine erste Aufführung gekämpft.

2002 wurde er dann erster Kapellmeister – mit 28 Jahren eigentlich viel zu jung für einen GMD-Stellvertreter. Gerade in Sachen Werkkenntnis konnte er damals mit älteren Kollegen nicht mithalten. Dennoch wuchs er blitzschnell in seine neuen Aufgaben hinein, und als Georg Fritzsch ein Jahr später nach Kiel wechselte und in Hagen ein »Kuddelmuddel« ausbrach, wurde ihm mit 29 Jahren tatsächlich das Angebot unterbreitet, Generalmusikdirektor zu werden. Im Jahr 2003 trat er diesen Posten dann zunächst kommissarisch, später dann als fest gewählter Chef an.

Nun ist es so, dass man sich als GMD nur noch bedingt um die Musik kümmern kann. Man muss als herausragende Persönlichkeit der Stadt viele repräsentative Aufgaben übernehmen und die Interessen von Opernhaus und Orchester nach außen etwa gegenüber der Politik vertreten und durchsetzen. Gleichzeitig ist man intern Chef einer riesigen musikalischen Abteilung mit Orchester, Opernchor, Solisten-Ensemble und und und. Man muss den Spielplan mit Intendanz und Regie absprechen und einen Wust an organisatorischen und bürokratischen Arbeiten erledigen.

Weiter unten auf der Liste kommt dann auch die künstlerische Arbeit, die gerade in der besonderen Situation der Stadt Hagen zwischen leeren Kassen mit enormen Sparzwängen und einer starken Konkurrenzsituation zu Dortmund eine besondere Herausforderung darstellt. »Ein Jahr als GMD zählt wie zwei« sagt Hermus, weshalb er auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge im Sommer – nach der Jubiläums-Saison des Philharmonischen Orchesters – Hagen verlassen wird. Zum einen hat er dem Orchester und seinen künstlerischen Weggefährten viel zu verdanken. Er hat sich hier als Erster unter Gleichen gefühlt, die seinen Werdegang vom Praktikum über die ersten Schritte am Pult bis zu den Erfolgen der letzten Jahre begleitet haben.

Andererseits erleichtere die politische Entwicklung seinen Abgang. Hermus drückt es so aus: »Man fühlt sich hier immer wie ein Torhüter, der ständig verteidigen und rechtfertigen muss. Ich bin aber eigentlich ein Stürmer und will die Tore machen.« Tore hat er daher nicht nur mit seinen aufsehenerregenden Hagener Projekten gemacht. Etwa mit den Chor-Scratch-Projekten, bei denen er mit vielen Hundert Laiensängern an einem Tag Großwerke à la »Carmina Burana« einstudiert und aufgeführt hat. Oder mit den Aufführungen in der laufenden Jubiläums-Saison, die von Beethovens Neunter bis zu Crossover-Projekten mit der Band »Extrabreit« oder mit dem »Deep Purple«-Organisten John Lord reichen.

Auch bei anderen Orchestern war und ist er als Gastdirigent aktiv – zuletzt hat er im November in Rennes mit außerordentlichem Erfolg die Premiere von »Cosi fan tutte« mit jungen Sängern der Opéra Bastille Paris geleitet. Auch hier wird der junge, aufstrebende Dirigent gefeiert – und neue Türen tun sich auf.

Und genau so soll es zunächst auch weitergehen. Mit Blick auf seine beneidenswerten Perspektiven sagt er: »Ich weiß, dass ich ein erstklassiges Produkt bin. Ich muss aber auch noch viel lernen.« Daher will er ein Jahr als Freiberufler einlegen. Er will in einer seiner Traumstädte Amsterdam, London oder Paris leben, und er will möglichst viele Erfahrungen sammeln und von den Größen seiner Zunft etwas lernen. Sein erklärtes Ziel wird aber wohl auch zukünftig dasselbe bleiben: Das Publikum mit feuchten Augen entlassen. »Die Menschen müssen sagen, ich weiß nicht was, aber irgendetwas hat mich heute bewegt.«

Gleich drei Mal ist Antony Hermus im Januar noch mit seinem Philharmonischen Orchester Hagen im Iserlohner Parktheater zu erleben. Am Samstag, 13. Januar, unter anderem mit dem Oratorienchor Letmathe bei Beethovens Neunter, und am 30. und 31. Januar mit »Extrabreit« bei »Rock meets Classic II«.

IKZ, 04. 01. 2008

 

 

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