Bochum Orchestra Academy

 

Sie haben den Bogen raus

120 Jugendliche aus ganz Deutschland sind in dieser Woche bei den Bochumer Symphonikern zu Gast, um gemeinsam ein Orchester zu gründen. Unermüdlich proben sie herausfordernde Werke: Konzert am Sonntag.

Musik liegt in der Luft. Man hört sie schon von weit her, wenn man über den tristen Parkplatz an der Zeche und dem Prinz-Regent-Theater vorbei läuft und um Einlass bei den Symphonikern bittet. Denn hier, im Probensaal von Bochums beliebtem Orchester, übernimmt einmal im Jahr die Jugend das Zepter.

Rund 120 junge Leute aus ganz Deutschland sind in dieser Woche bei den Symphonikern zu Gast, um gemeinsam ein komplettes Symphonieorchester zu bilden. Fünf Tage lang werden die Schüler im Alter von 13 bis 22 zusammen nach Kräften proben, um herausfordernde Stücke von Mussorgsky bis Schostakowitsch auf die Reihe zu bekommen. Am Abend des sechsten Tages stellen sie die Früchte ihrer Arbeit dann feierlich im Audi-Max vor.

Dies geschieht unter fachlicher Leitung eines mehrfach ausgezeichneten Dirigenten: Antony Hermus ist GMD des Philharmonischen Orchesters Hagen und in dieser Woche Chef der Bochumer Orchesterakademie, die bereits zum vierten Mal stattfindet.

Es ist Dienstagmittag, der erste Teil der Proben ist gerade vorbei, da steht dem Dirigenten mächtig der Schweiß auf der Stirn. Kein Wunder: Im Probensaal ist eine Luft zum Durchschneiden, denn hier wird kräftig gearbeitet. Die kleine Pause nutzen die jungen Musiker, um sich ein wenig mit Getränken zu versorgen. »Kommen Sie mit«, sagt der freundliche GMD, »wir gehen kurz nach nebenan.«

Aus 120 Jugendlichen, die sich vorher überhaupt nicht kannten, innerhalb weniger Tage einen wohl klingenden Klangkörper zu formen, ist eine Herkulesaufgabe, der sich Antony Hermus gern stellt: Pionierarbeit im besten Sinne. »Es ist doch so«, sagt er, »mit erwachsenen Musikern und gestandenen Profis lässt sich natürlich genauer arbeiten. Doch dafür ist bei den jungen Leuten der Energie-Level einfach riesig.« Eine unerschöpfliche Begeisterung für Musik bringen die Jugendlichen zu den Proben mit: »Sie haben etwas total Unkompliziertes an sich, daran labe ich mich selbst.«

Zur Orchesterakademie anmelden kann sich jeder, dafür braucht man nicht mal eine Eins in Musik – man muss eben nur bereit sein, für klassische Musik die Ferien zu opfern. Auch die Stücke, die es in diesen Tagen einzustudieren gilt, sind vorher bekannt. »Für manche Schüler stellt sich natürlich die Frage, ob sie sich das überhaupt zutrauen«, erklärt Sprecherin Christiane Peters. »Manche sind sofort dabei, andere zögern lieber noch ein Jahr.« Die Teilnahme ist komplett kostenlos, untergebracht werden die Schüler in Gastfamilien oder im Naturfreundehaus in Dahlhausen.

Morgens proben sie in kleinen Gruppen, ab mittags bis in den Abend hinein trifft sich das komplette Orchester, »und danach üben die Schüler meist für sich allein weiter«, so Christiane Peters. »Dieser ungeheure Fleiß ist erstaunlich.«

Dabei sind einige Instrumente begehrter als andere. "Celli und Querflöten haben wir im Überfluss", schmunzelt Christiane Peters, "da mussten wir vorab eine Auswahl treffen." Wer jedoch Kontrabass, Fagott oder Bratsche spielen kann, sei jederzeit willkommen: "Diese Instrumente scheinen irgendwie unbeliebter zu sein."

Die junge Hannah ist 18, stammt aus der Nähe von Köln, spielt seit sechs Jahren Fagott und ist bereits zum zweiten Mal dabei: »Das macht solch einen Spaß!« strahlt sie. Auf das große Konzert am Sonntag freue sie sich zwar riesig, aber dennoch: »Ich bin dann auch traurig, weil alles so schnell wieder vorbei ist.« Dann eilt sie zurück in den Probensaal: Die »Fünfte« von Schostakowitsch steht auf dem Plan, die ersten Takte erklingen bereits – und Musik liegt in der Luft ...

WAZ Bochum, 26. 03. 2008

 

 

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